Traditionalität und europäische Dynamik – Eine Reise durch Polen (3.Teil – Posen)

Posen (So-DI)

Der Zug in Richtung Posen fuhr am prall gefüllten Bahngleis des Hauptbahnhofs Warschau pünktlich ein. Ich hatte meine Fahrkarte tags zuvor bei einer dieser berüchtigten osteuropäischen Kommandantes erstanden, bei deren Anblick und Ansprache mir vor Furcht in aller Regelmäßigkeit die Knie schlottern. Bereits von Weitem konnte ich erkennen, dass es sich hierbei um ein Prachtexemplar dieser Spezies handeln würde. Blondgefärbte Fönfrisur, akkurat, Hornbrille, versteinerte Mimik, militärischer Befehlston, absolute Verbindlichkeit, i. d. R. keinerlei Fremdsprachenkenntnisse.  Als ich am Abend kurz vor acht Uhr am Bahnhof zwecks Ticketkauf ankam, war gerade ein Schalter geöffnet, noch genau fünf Minuten lang. Bereits in der Schlange, in der nur eine Handvoll Menschen anstanden, konnte ich erkennen, dass die Dame um diese Zeit, fünf Minuten vor Dienstschluss, nicht mehr die allerbeste Laune hatte, und die zum Teil unter Zeitdruck stehenden Kunden, nun ja, nicht gerade mit Samthandschuhen anfasste. Sollte ich morgen wieder kommen? Ich würde es probieren.

Ich näherte mich dem Fahrkartenschalter. Die polnisch sprechende jüngere Frau vor mir seufzte bei ihrem Kaufvorgang fortwährend und musste, nachdem dieser schließlich erfolgreich abgeschlossen war, rennen, um ihren Zug noch zu erreichen. Der Fahrkartenkauf meiner direkten Vorgänger dauerte eine halbe Ewigkeit. Ich wurde immer nervöser, wusste ich doch nicht, was mich gleich erwarten würde, ob die Dame Englisch spräche, mich vielleicht auf morgen verwiese oder mich überhaupt verstand. Ich war dran. „I need a ticket to Poznan for tomorrow, please.“, sagte ich in zurückhaltendem und höflichem Tonfall. „What time?“ Ok, sie verstand zumindest englisch. „Maybe in the afternoon, is that possible?“ Gleichbleibender, unfreundlicher Gesichtsausdruck. „What time?“ Ich verstand. ich fragte nach einem Zug um 14 Uhr, obwohl ich mir vorgenommen hatte, später zu fahren, da ich ja noch ins Kunstmuseum wollte. Ohne einen weiteren Ton zu sagen, tippte die Kommandante gefühlte minutenlang etwas in ihren PC und präsentierte mir letztlich ein Ticket für den Intercity um 14.15 Uhr, das mich zudem gerade einmal 60 Zloty kostete. Ich konnte es nicht glauben, ich hatte es geschafft.

Am Bahnhof angekommen sah ich, dass der Bahnsteig voller Menschen war. Sie alle benutzten denselben Zug. Da ich keine Sitzplatzreservierung hatte (ich wollte die Dame am Schalter nicht noch weiter provozieren), suchte ich im Zug nach einer Möglichkeit, vielleicht doch noch einen Sitzplatz für die knapp dreistündige Fahrt zu ergattern. Um mich herum nur Polen, die lautstark und minutenlang diskutieren, wer in den Abteilen welchen Sitzplatz nun reserviert hatte. Dazu kamen noch zwei Amerikaner, die nach einigem Nachfragen registrierten, im falschen Wagon zu sein, und sich schließlich rücksichtslos ihren Weg durch die im Gang stehenden Massen bahnten. Nachdem der Zug abgefahren war und sich die chaotischen Zustände etwas normalisierten, die Fahrgäste alle ihre Sitz- und Stehplätze eingenommen hatten, beschloss ich, es mir im Gang auf meinem Gepäck sitzend gemütlich zu machen und die monotone, ländlich geprägte Landschaft Zentralpolens anzusehen, durch die wir die nächsten Stunden fahren würden. Kaum Platz genommen öffnete sich plötzlich ein Abteil. Ein junger, geschniegelter Mann sprach mich auf polnisch an. „I don’t speak polish, sorry.“ Der Mann erwiderte, in ihrem Abteil sei ein Sitzplatz frei, ich könne mich zu ihnen gesellen und müsste aufstehen, sollte der für den Platz vorgesehene Fahrgast noch hinzukommen. Ich nahm das Angebot an. Es stellte sich heraus, dass das Abteil voll mit mittelalten Polinnen und dem eben beschriebenen Mann war, die allesamt nach Posen fuhren und sich offensichtlich die ganze Zeit witzige Geschichten erzählten und ständig lauthals loslachten. Der Mann sei gerade aus Irland gekommen, wo er arbeitete. Er war der einzige, der englisch sprach und für mich übersetzte. Die Frauen fragten ihn über mich und meine Reise aus, ich antwortete, er übersetzte. So ging das dann eine ganze Weile, die Übersetzungen des Mannes endeten immer in lautem Gelächter der aus dem Urlaub vom Chopin-Flughafen Warschau zurückkehrenden Frauen. Es lief nach folgendem Strickmuster: Der Mann fragte mich etwas, übersetzte es in die Runde, die Damen erwiderten, der Mann übersetzte. „The lady says that you are a very good looking guy.“ Ich lachte, konnte ich doch sehen, dass er ein Spiel spielte, ich will nicht wissen, wie er meine Antwort übersetzte, worauf wiederum lautstark gelacht wurde.

Etwas später erschien eine junge Frau mit einem Kleinkind, welcher der Mann, der nun zusehends die Frauenrunde mit seinen flotten Sprüchen unterhielt, unverzüglich seinen Sitzplatz anbot. Ich wiederum bot meinen an, sodass wir uns darauf einigten, alle halbe Stunde zu wechseln. Kurz vor Ende der Fahrt entschied der Mann, dessen Namen er mir leider nicht nannte, nachdem er nach meinem gefragt hatte, seinen Platz einer attraktiven Frau anzubieten, die er offensichtlich interessant fand und die im Gang ohne Sitzplatzreservierung stand, was direkt auf die Stimmung im Abteil zu schlagen schien, ließ der Mann doch seine Entertainment-Qualitäten später etwas vermissen. Es mag wie ein Klischee klingen, jedoch ticken die Uhren, was Höflichkeit und Manieren anbelangt, in Polen noch etwas anders. Frauen wird der Vortritt gelassen, man trägt ihnen die Koffer, man bietet ihnen den Sitzplatz an und öffnet das Fenster, wenn sie dies verlangen. Ich passte mich also an und half den Reisenden. Hatte ich in Barcelona, als ich einer zierlichen jungen Frau den Koffer die Treppe hinauftragen wollte, noch böse Blicke und ein entschiedenes „No, thanks“ kassiert, so war es hier selbstverständlich, den Damen beim Entgegennehmen ihrer Koffer zu helfen und als letzter das Abteil des Zugs beim Ausstieg zu verlassen. Auch der Mann bedankte sich: „Goodbye Carsten, you are a very good guy.“ Keine Ahnung, woher er das wissen wollte, Recht jedenfalls hat er.

Ich verließ also den Zug am modernen Posener Hauptbahnhof und machte mich auf den 15-minütigen Fußweg zu meinem Hostel, welches am Rande der Altstadt gelegen war. Das Hostel ist eine Mischung aus Boutique Hostel und Apartments auf mehreren Etagen, stylisch eingerichtet, räumlich mit großzügigem Aufenthaltsraum, Computerraum und Terrasse gehalten. Glücklich war ich vor allem über den Laundry-Service, den das Hostel anbot, da ich aufgrund meines Handgepäcks keine sauberen Kleider mehr hatte. Ich bezog ein Bett im einzigen 8er-Schlafsaal des Hauses, in dem ich zu meiner Verwunderung neben einem älteren Herrn, der im Schlaf seltsame Laute von sich gab und Bierflaschen neben seinem Bett bunkerte, einziger Gast war. Nachdem ich ein Dinner zu mir genommen hatte, beschloss ich, den Rest des Abends im Hostel zu verbringen und auszuruhen.

Für den nächsten Tag hatte ich mir vorgenommen, das Kunstmuseum der Stadt zu besichtigen, dass in allen Informationsquellen hervorragende Bewertungen erzielt und über eine beachtliche Sammlung polnischer Werke, insbesondere der modernen Kunst, verfügen soll. Ich machte mich also erst einmal auf den Weg, die Altstadt zu erkunden, um anschließend das Museum zu besuchen. Am Museum angekommen, bemerkte ich, dass es Montag war. Das heißt in überwiegend allen Ländern der Welt: Museen geschlossen! Sehr ärgerlich! Was sollte ich also mit meiner verbleibenden Zeit anfangen? Ich schaute mir folglich die Posener Innenstadt etwas genauer an. Die Stadt verfügt über eine kleine, malerische Altstadt mit großem Marktplatz mit Kathedrale, an deren Seiten die üblichen touristischen Bars und Restaurants versuchen, überteuerten Kaffee und Steaks zu verkaufen.

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In unmittelbarer Nähe zur Altstadt finden sich zahlreiche, herausgeputzte Bauwerke und Boulevards, welche die alte und neue Prosperität der alten Handelsstadt, die mit Wroclaw um den Rang der drittgrößten Stadt Polens konkurriert, symbolisieren.

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Die Stadt macht ihrer Geschichte als Handelsstadt auch heute noch alle Ehre. Selten zuvor habe ich eine solche Dichte riesiger Einkaufszentren gesehen, deren Bauweise und Geschäfte  – auch international – vollkommen austauschbar sind. Globalisierung in Reinkultur. Ich entschied, mich zuerst einmal einem leckeren Stück Kuchen in einem der zahlreichen Cafés der Altstadt zu widmen. So suchte ich das „Piece of cake“ (was für ein Name für ein Café) auf und gönnte mir in gemütlicher Atmosphäre in dem mit Holztischen und Lederstühlen ausgestatteten kleinen Lokal, in der außer mir nur eine Gruppe russisch-sprechender Studentinnen zugange war, ein Stück Mango-Käse-Torte.

Aufgrund des guten Wetters entschloss ich mich, einen Spaziergang zu dem am Rande der Innenstadt gelegenen Baggersee zu unternehmen, den ich meinem Reiseführer entnehmen konnte. Dort angekommen sah ich, dass der See offensichtlich nicht nur als Naherholungsgebiet für die Posener Bevölkerung dient, sondern auch eine Vielzahl an Freizeitaktivitäten rundherum angeboten werden. So etwas hatte ich noch nicht gesehen. Ich umrundete den See auf dem etwa vier Kilometer langen Fußgängerweg entlang des Ufers. Neben der Möglichkeit von Bootstouren und Kanufahrten bietet der See auch Ruderwettkämpfe an, weshalb am Rande des Nordufers Tribünen aufgebaut sind. Auch Minigolf wird angeboten, als Highlight gibt es sogar eine künstliche Skipiste, die während des ganzen Jahres genutzt werden kann. Ich genoss meinen Spaziergang und die ruhige Atmosphäre in der Abenddämmerung.                                                                                     20151026_164230 20151026_164249 20151026_171300

Nach Rückkehr ins Hostel beschloss ich, den letzten Tag meiner Polen-Reise mit polnischem Essen ausklingen zu lassen und hinterher das Nachtleben Posens zu erkunden, welches ich schon tagsüber als sehr vielfältig charakterisieren konnte, zudem bereits eine Bar empfohlen bekommen habe, die ich unbedingt ausprobieren sollte. Ich ging in die Innenstadt, um zunächst zu dinieren. Die Wahl fiel auf ein polnisches Restaurant (etwas zu touristisch vielleicht, aber es sollte etwas polnisches werden, schön deftig und rustikal) und aß endlich den Bigos, welchen ich mir seit Beginn der Reise vorgenommen hatte. Zufrieden von dem gut zubereiteten Gericht bestellte ich bei der mit ihrer Arbeit überforderten, aber freundlichen Bedienung die Rechnung. Zu meiner Verwunderung fragte diese, ob ich der Sänger der Band „The Streets“ sei, Mike Skinner. Leider musste ich gestehen, dass den Namen des Künstlers nicht kenne und sie enttäuschen müsse. Ich fragte, wie sie darauf komme. Sie entgegnete, dass ich genauso aussähe und sie auf englisch angesprochen hätte. Sie sei schon ganz nervös gewesen, weil sie ein großer Fan der Band sei. Ich solle es als Kompliment verstehen. Nun denn.

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— bei der Geburt getrennt —

Als ich das Restaurant verließ, musste ich feststellen, dass Posen (wahrscheinlich aufgrund seiner vielen Studenten) über eine Vielzahl an Clubs und Bars verfügt, die für einen Montag Abend erstaunlich gut gefüllt waren. Ich wollte nun in das Lokal, das mir empfohlen worden war. Vom Restaurant aus duchquerte ich hierfür eine Straße, in der sich zahlreiche Bars, Clubs und Bar-Clubs aneinanderreihten, die allesamt recht gut frequentiert waren. Mir fiel eine Bar dabei besonders ins Auge, in der Anfang-20-Jährige dicht gedrängt standen und aus der lautstark Musik die Straße beschallte, die ich außer auf Radio Salü so seit über zehn Jahren nicht mehr gehört hatte. Der Grund dieser Popularität blieb mir nicht verborgen, so waren die Preise für Wodka und Bier mit je vier Zloty doch sehr erschwinglich.

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Ich erreichte dann rasch mein Ziel, das Proletaryat, in dem der Name Programm ist. In der Bar wird man von einem übergroßen Lenin-Kopf begrüßt, die Wände zieren Requisiten aus Sowjetzeiten, wie Propaganda, Gemälde und Wandteppiche mit Motiven der Arbeiterbewegung sowie Bolschewiki-Kitsch. Im hinteren Teil der Bar erreicht man eine Art überdachten Hinterhof, in dem Biertische und Holzstühle stehen. Das Paradies jeden Trinkers, der keinen Wert auf Einrichtung, Deko oder Design legt. Mit dem überaus günstigen Bier und der grenzwertigen Unisex-Toilette ein durch und durch gelungenes Konzept. Das Publikum bestand zum überwiegenden Teil aus jungen Studenten, deren größter Teil offensichtlich mit dem Ziel die Wirtschaft betrat, einen über den Durst zu trinken. Nicht wenige Anwesende waren irgendwann nicht mehr imstande, ohne Unterstützung die Toilette aufzusuchen. Ich beschloss, den Rest des Abends vor Ort zu verbringen. Als ich gegen 1.30 Uhr die Wirtschaft verließ, war die Bar genau wie die meisten der anderen Gaststätten noch rege besucht.                                                                                                                                   20151026_225849 20151026_225907

So machte ich mich am nächsten Morgen auf, Polen zu verlassen. Ich lief zum Hauptbahnhof, wo mein Fernbus, den ich zuvor für 5 Euro gebucht hatte, Posen pünktlich um halb drei Richtung Berlin verließ, dessen Zentralen Omnibusbahnhof wir aufgrund eines Staus auf der Berliner Stadtautobahn mit zweistündiger Verspätung erreichten.

Fazit

Alles in allem muss ich sagen, dass ich in Polen ein äußerst sympathisches Land kennengelernt habe, das durch eine große Dynamik geprägt ist. Das Land hat nach meiner Auffassung den Ausgleich zwischen osteuropäischer Tradition und Hinterlassenschaften des Ostblocks und kultureller und ökonomischer Annäherung an den Westen im Zuge der europäischen Integration wie kein anderes osteuropäisches (mit Ausnahme vielleicht Tschechiens) geschafft. Ich habe eine Mentalität kennengelernt, die durch Zurückhaltung, Hilfsbereitschaft und Höflichkeit, aber auch Gastfreundschaft gekennzeichnet ist. Das Land hat eine Vielfalt kultureller Aktivitäten zu bieten, genauso wie eine deftige und wohlschmeckende Küche, eine Vielzahl leckerer Backwaren, gutes Bier, diverse Wodkasorten sowie attraktive und gut gekleidete Frauen. Gastronomisch hat das Land vor allem eines: Café-Bars an jeder Ecke, die von mir favorisierte Dive-Bar war in allen drei Städten nur schwierig ausfindig zu machen. Gastronomisch bewegt sich das Angebot zu häufig zwischen den Polen Proll-Club, Sportsbar bzw. Lounge und Hipster-Bar. Generell scheint die Hipsterisierung auch vor Warschau nicht Halt zu machen. Was mich am meisten überraschte: Man kommt mit Englisch fast überall durch, selbst Damen älteren Semesters können häufig ein paar Worte, die zum Kommunizieren ausreichen. Die Bedeutung der Religion ist nach meiner Auffassung nach wie vor groß, zumindest größer als in westeuropäischen Gesellschaften. Die bewegte Geschichte der Polen lässt sich allen Ecken und Enden nachvollziehen und prägt den überwiegenden Teil der Kultur. Ich habe Polen als sehr entspanntes und sicheres Reiseland kennengelernt, man braucht weder vor korrupter Polizei noch vor den sonst berühmt-berüchtigten Konduktoren in den öffentlichen Verkehrsmitteln Angst zu haben, auch war für mich keine allgemeine Kriminalität erkennbar. Sicherlich ist die touristische Infrastruktur ausbaufähig (Beschilderungen, Karten etc.), aber man fährt ja auch nicht umsonst nach Osteuropa und nicht nach Malle. Angenehm ist auch, dass es kaum Touristen gibt, sodass man ein ganz und gar authentisches Bild des Landes geboten bekommt. Insgesamt muss ich sagen, dass ich mich in Polen sehr wohl gefühlt habe und mit Begeisterung wiederkommen werde.

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