Traditionalität und europäische Dynamik – Eine Reise durch Polen (1.Teil – Danzig)

Polen Oktober 2015

Nachdem ich in den Sommerferien aufgrund meiner Trips nach Kalifornien, Schleswig-Holstein und Berlin gerade einmal vier Tage in meiner Wohnung verbrachte (ausführliche Berichte folgen), kam schon recht bald die Frage auf, wie ich meine Herbstferien verbringen will. Da San Francisco und Co ein beträchtliches Loch in mein Reisebudget gerissen hatte, musste nun also etwas Bezahlbares her. Wenn ich an bezahlbares Reisen mit großem kulturellen Nutzen und garantiertem Erlebnisfaktor denke, so konnte die Antwort eigentlich nur lauten: Osteuropa.

Nun denn. Ich recherchierte. Okay, erstmal ein Wochenende London, muss mal wieder meinen Bruder besuchen. Da Polen das einzige ostmitteleuropäische Land ist, das noch auf meiner Liste fehlte und Billigflieger á la Ryanair, Wizzair etc. nahezu halbstündlich alle möglichen polnischen Städte von mehreren Londoner Flughäfen aus bedienen, war die Antwort schnell gefunden. So machte ich mich auf die Suche nach einer geeigneten Route: Was will ich auf jeden Fall sehen? Danzig, Warschau, Wroclaw, Krakau. Nach Prüfung der günstigsten Landverbindung zurück nach Saarbrücken fiel die Wahl dann schließlich auf die Route Danzig – Warschau – Posen – Berlin – Saarbrücken.

Danzig (Mittwoch-Freitag)

Ich flog also für etwas weniger als 30 Euro von London-Stansted aus nach Danzig, wo mich ein für die EURO 2012 renovierter Flughafen auf neuestem architektonischem Stand erwartete. Kaum angekommen bemerkte ich bereits das erste Problem, das eine Reise durch Polen mit sich bringen würde: Es gibt kaum touristische Infrastruktur. Vom Flughafen aus fährt halbstündlich ein Linienbus, welchen man unter mehreren Bushaltestellen und in einem Schilderwald aus auf polnisch formulierten Beschreibungen zunächst einmal identifizieren muss. Da es keinen Ticketautomaten gab, fragte ich die freundliche Frau an der Touristeninformation, welche Busnummer ich denn nehmen solle und kaufte sogleich für 3 Zloty ein Busticket. An der Bushaltestelle angekommen, stellte sich heraus, dass die Auskunft leider unzutreffend war, der einzige englischsprachige Reisende, den ich antreffen konnte, verwies mich glücklicherweise auf die richtige Linie.

Am Dworecz Glowny Gdansk angekommen, machte ich mich auf den Weg, das von mir gebuchte Hostel zu finden, welches malerisch am Rande der Danziger Altstadt an einem Kanal gelegen ist. Das Hostel ist durch das „World“-Konzept etwas wie vom Reißbrett konzipiert, ohne wirkliche Atmosphäre (was vielleicht an den fehlenden Travellern lag), jedoch sehr ruhig und modern und mit außerordentlich freundlichem Personal versehen. Kaum angekommen und das Bett bezogen, lernte ich Jackie kennen, die auf den Spuren ihrer Großeltern deren Heimat Polen seit ein paar Monaten (!) bereist. Auf meine Frage hin („You don’t want to see other places in Europe?“) entgegnete sie: „Well, i was in Czech Republic“. Später stellte sich heraus, dass sie wiederkommen will, sobald sie in Japan etwas Geld als Physiotherapeutin verdient hätte.

Ich machte mich also auf den Weg, diese so geschichtsträchtige Stadt und Geburtsstadt Günther Grass‘ zu erkunden. Beim Betreten der historischen Altstadt konnte ich unverzüglich den hanseatisch-baltischen Charakter wahrnehmen. Massive Backsteinkirchen, Türme und Reihenhäuser erinnerten mich sogleich an meine Erasmus-Zeit in Riga und erzeugten Heimatgefühle.

20151021_173823 20151022_171019

20151022_17134620151022_171343

Die repräsentative Fußgängerzone bildet das Zentrum der Altstadt und erzeugt in hell erleuchtetem Zustand eine spektakuläre Atmosphäre.

20151021_190309 20151021_190314 20151021_190829

Da es in Danzig um diese Jahreszeit nicht nur sehr früh dunkel wird, sondern auch entsprechend windig und kalt, entschloss ich mich, einzukehren, um den ersten Tag meiner Reise gebührend zu reflektieren und etwas Essbares und vielleicht ein Bierchen zu mir zu nehmen. Bereits bei der Recherche über foursquare wurde deutlich, dass Danzig (wie der Rest Polens) über eine außerordentliche Dichte an Cafés verfügt. Nachdem ich die Uferpromade besichtigt hatte, bog ich also in die Mariacka ein, die wohl malerischste Straße Danzigs mit zahlreichen Shops für Bernstein-Produkte, welche im ganzen Ostseeraum sehr verbreitet sind.

20151022_124703

Die Straße verfügt über einige im Hochparterre oder im Souterrain gelegene kleine Cafés und Restaurants. Darunter war auch das Café Kamencia, in dem ich das erste Tyskie-Bier meiner Reise einnahm. Das Café wird in den meisten Apps und in Reiseführern als absoluter place-to-be angepriesen, was mich trotz seiner heimeligen Atmosphäre und dem alternativen Charme der Einrichtung dann doch nicht ganz überzeugte. So machte ich mich auf die Suche nach etwas Essbarem. Ich scharrte schon mit den Hufen, endlich etwas typisch Polnisches zwischen die Zähne zu bekommen, bestenfalls Pierogi (gefüllte Teigtaschen), an denen ich normalerweise nicht vorbeigehen kann. Wie der Zufall es wollte, führte mich meine Spürnase an der Restaurant-Café-Bar Pod Ryba vorbei (eine Typenunterscheidung findet in Danzig nicht statt, irgendwie sind die gastronomischen Einrichtungen immer von allem etwas), die sich auf Gerichte spezialisiert hat, die ausschließlich mit gekochten Kartoffeln serviert werden, dies jedoch in allen denkbaren Variationen. Ich entschied mich für gekochte Kartoffeln mit Heringssalat und Joghurt-Dill-Dip. Zur Ostsee gehört in meinen Augen immer irgendetwas mit Dill. Ich wollte den Abend nun ausklingen lassen und fand die wohl beste Café-Bar meiner gesamten Reise: Das Jozef K. Allein schon der an den in den meisten Werken Franz Kafkas und weiterer Glanzstücke schriftstellerischer Tätigkeit des 20. Jahrhunderts handelnde Protagonist ließ mein Interesse rasant steigen. Die Bar machte diesem hohen Anspruch von Anonymität, kafkaesker Überforderung und Austauschbarkeit alle Ehre. Bereits nach Betreten des Ladens spürte ich, dass dieser eine außerordentlich wohlkonzipierte und auch in den Details stimmige Gesamtkonzeption besitzt. Neben bunt zusammengewürfeltem Interieur zwischen Art déco, Flohmarkt und rustikalem Biedermeier-Vollholz überzeugte insbesondere die Musikauswahl, die der Gaststätte eine voll und ganz nostalgische Atmosphäre verlieh. Die Wohnzimmeratmosphäre der Bar wurde dabei immer wieder durch metallische Komponenten und größere Freiräume gebrochen, was den Innenraum zu einem Ort macht, der sowohl zum geselligen Biertrinken als auch zur Kontemplation einlädt, was die Gastwirtschaft von den auch in Polen zahlreich vertretenen Hipster-Läden unterscheidet. Durch das bunt gemischte Publikum zwischen Pärchen beim ersten Date, Geschäftsessen und Studentinnen-Kaffeekränzchen bemerkte ich, dass die Bar in Danzig etabliert zu sein scheint, und das mit Recht. Auf die Frage hin, ob ich denn noch etwas zu trinken bekäme, antwortete die hübsche und resolute Bedienung, hier herrsche Self-Service. Ganz nach meinem Geschmack. Ich entschied mich für einen halben Liter Pilsener Urquell, da das Jozef K. das von mir bereits geschätzte Tyskie nicht anbot. Ich verbrachte den Abend vor Ort und verließ als letzter Gast die Wirtschaft.

Am nächsten Tag nahm ich mir vor, das Europäische Solidarnosc-Zentrum zu besuchen, das in sämtlichen Reiseführern als Must-see gefeiert wird. Auch wollte ich unbedingt mit dem Besuch der jüngeren polnischen Geschichte etwas näherkommen, welche die doch etwas zwiespältige polnische Mentalität in Europafragen der Gegenwart zu begründen scheint. Da ich die Frühstückszeiten des Hostels erwartungsgemäß verpasst hatte, wollte ich jedoch zunächst einige der viel gelobten polnischen Backwaren probieren. Kaum in der Altstadt angekommen fiel mir die örtliche Markthalle auf, die ich unweigerlich betrat. Ich liebe Markthallen. Nirgendwo lernt man eine Kultur so schnell kennen als in einer Markthalle. Welche Produkte gibt es? Wie ist das Kaufritual organisiert? Wie wird miteinander kommuniziert? Ich liebe es auch, durch Markthallen zu schlendern und mir die Vielzahl an Lebensmitteln anzusehen, die feilgeboten werden. Selbst in der wohl touristischsten aller Markthallen, der Markthalle in Barcelona, kann man einiges der lokalen Essgewohnheiten studieren, sei es anhand von Rinderpansen und -zungen oder anhand von Geflügelinnereien oder Schweineköpfen. Die Markthalle selbst glich eher einer Retro-Mall, nicht an die Größe der Markthallen in Riga oder Budapest heranreichend, sie erfüllt jedoch ihren Zweck.

Das Solidarnosc-Zentrum liegt in unmittelbarer Nähe des Hauptbahnhofs und der ehemaligen Lenin-Werft, von welcher die Bewegung durch den Streik der Arbeiter 1980 ausging.

20151022_135553 20151022_135550

Ich befand mich also an einem historischen Ort. Das Gebäude ist in mehrere Bereiche gegliedert, das Museum befindet sich auf zwei Stockwerken und erstreckt sich über insgesamt acht Räume. Das Konzept des Museums besteht darin, die Solidarnosc-Bewegung aus ihrer Mikro- und Makroperspektive von ihren Anfängen an zu beleuchten und ihre Einflüsse auf Politik und Gesellschaft Polens sowie die Effekte auf die politische Wende 1990/91 zu ergründen. Naturgemäß spielt die Person Lech Walesas dabei eine bedeutende Rolle. Das überragende museumspädagogische Konzept mit zahlreichen multimedialen Stationen und Originaldokumenten besticht vor allem dadurch, dass es trotz der außerordentlich detaillierten Aufarbeitung der Geschehnisse nie den Blick auf das große Ganze verliert und im letzten Raum die politische Wende aller ehemaligen Ostblockstaaten Revue passieren lässt. Die Multimedialität wird ergänzt durch allerlei haptische und partizipatorische Spielereien, welche wohl die zahlreich vorhandenen Schulklassen affektiv binden sollen. Nichtsdestotrotz konnte ich einige Stunden in dem Zentrum verbringen und habe viele Rückschlüsse über die Entwicklungen dieser Zeit, aber auch über die aktuelle Situation Polens (man beachte den Ausgang der Parlamentswahl) ziehen können.

Zurück im Hostel lernte ich meinen ultrasympathischen ungarischen Zimmergenossen, dessen Namen mir leider entfallen ist, kennen. Er erzählte mir, dass er „historisch interessierter“ Geograph aus Budapest sei, vor etlichen Jahren in Münster Erasmus gemacht habe, seine Deutschkenntnisse jedoch weitgehend abhanden gekommen seien, und nun für die ungarische Bahn arbeite. Auf die Frage hin, wie er als Geograph zur Bahn komme, antwortete er nur lapidar: „Because they gave me job.“ Ich fragte ihn nach dem Grund seiner Reise. Er erklärte, er hätte bereits zahlreiche historische Stätten im Nordosten des Landes besucht (keine von ihnen war mir bekannt), worüber er mir umgehend ausführlich berichtete und Danzig sei seine letzte Station. Wir wechselten das Gesprächsthema hin zur ungarischen Sprache, die ich angesichts ihrer Insellage als finnisch-ugrische Sprache in Ostmitteleuropa sehr interessant finde und deren Klang für das indogermanische Ohr fremdartig wirkt. Es folgten lang andauernde Vorträge über Migrationsbewegungen fino-ugrischer Stämme, denen ich aufmerksam folgte. Auf die Frage hin, ob er mit mir in die Altstadt zum Bier trinken gehen wolle, antwortete er, dass er wegen eines Magen-Darm-Infekts lieber das Bett hüten wolle. Sehr schade.

Ich ließ den Abend im Jozef K. und einigen anderen nicht nennenswerten Läden ausklingen und freute mich, am nächsten Tag endlich das polnische Bahnnetz begutachten zu dürfen, wenn es nämlich mit dem Intercity ins ca. 300 Kilometer entfernte Warschau ging.

Fortsetzung folgt

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.