Tiflis -Schönheit und Verfall

Was fällt mir ein, wenn ich an Georgien denke? Hmm, Krieg, Abchasien, Südossetien; Saakaschwili, Stalin, Eduard Schewardnadse, Levan Kobiaschwili; Tiflis heißt eigentlich Tbilissi und ist Partnerstadt von Saarbrücken; Kaukasus, Schaschlik, tolle Landschaften, Gastfreundschaft; unverträgliches Essen; verrückte Schrift und Sprache mit vielen stimmlosen velaren oder uvularen Frikativen. Was würde mich in den der kleinen Republik im Kaukasus erwarten? Es sollte ein Land der Gegensätze sein…

Würde es ein eher europäisches oder ein orientalisches, vorderasiatisches Land sein? Ein dynamisches Land auf dem besten Wege gen Westen oder maroder Post-Sowjet-Staat, eingeklemmt zwischen den Großmächten Russland und Türkei und deren Machtansprüchen? Georgien war eines der Länder der Kaukasusregion, die schon immer einen Reiz auf mich ausübte, einen Reiz des Unbekannten, ein Land, unter dem ich mir wenig vorstellen konnte. Ich hatte von vielen, mit denen ich darüber sprach, sehr viel Positives gehört, über die Mentalität, über die Kultur; und auch negative Aspekte, insbesondere über die schlechte Bekömmlichkeit des Essens für mitteleuropäische Mägen.

Ich freute mich also darauf, in das in Mitteleuropa nicht wirklich präsente Land einzureisen, um dort meine eigenen Erfahrungen zu machen und natürlich meine Freundin Amélie zu besuchen, die seit September ein internationales FSJ im Büro des DAAD Tiflis macht. Auch ein Trip ins angrenzende Armenien war geplant.

Bei der Vorbereitung meiner Reise hatte ich natürlich viel über das Land gelesen und mir Anhaltspunkte eingeholt. Die vielen diffusen Informationen rufen im Vorfeld einer Reise Vorstellungen hervor, die sich dann in einer bestimmten Erwartungshaltung und Vorfreude auf das Datum des Aufbruchs manifestieren. Freilich ist es immer etwas Besonderes, wenn die Erwartungen auf die Realität vor Ort treffen. Man kann noch so viel über ein Land lesen, die Kultur eines Landes studieren, selbst in Ländern, die man meint, zu kennen, Nachbarländer; im Land selbst ist es immer anders, immer speziell, immer besonders, immer inspirierend.

So konnte ich letztes Jahr etwa um die gleiche Zeit die Erfahrung machen, wie fantastisch Paris doch eigentlich ist. Ich hatte immer geglaubt, Frankreich zu kennen; ach Paris, touristisch, überteuert… Vielleicht war ich einfach an den falschen Orten, vielleicht hatte ich einfach Scheuklappen und wollte nicht sehen. Als ich  zu Jahresbeginn auf meiner Heimreise von Barcelona kommend mit dem TGV im Gare de Lyon einfuhr, sollte sich mein Eindruck, mein Konzept von Paris nachhaltig ändern. Dieser kurze, dreitägige Trip veränderte meine Sichtweise auf die Stadt zum Positiven. Dort, zwischen dem République und dem Bastille-Viertel, im 11. Arrondissement, mit seinen wunderbaren Cafés, seinen langen, eleganten Straßenzügen voller Kreativität und Erhabenheit, dort, wo eine Woche später und 11 Monate danach so schreckliche Dinge passieren sollten, dort lernte ich Paris neu kennen, und war begeistert. Ich liebe solche Erlebnisse, Erlebnisse der Erkenntnis; Erlebnisse, die einen reflektieren lassen, einem zeigen, dass man sich getäuscht hat. Ich habe bislang nur sehr wenige Orte kennengelernt, an denen sich Erwartungen eher ins Negative verkehrten (auf Anhieb würde mir vielleicht Helsinki einfallen). Man muss sich immer wieder bewusst machen, dass beim Reisen nicht der erste Eindruck der Entscheidende ist, Reisen ist nicht so oberflächlich wie das Berufsleben, wie das Dating, wo man „nur eine Chance auf einen guten ersten Eindruck hat“. Die Vielschichtigkeit einer Kultur, die Komplexität eines Landes lässt sich immer wieder aufs Neue erfahren und überrascht auch nach langer Zeit, zum Teil auch in negativer Hinsicht. In den Kaukasus-Republiken sollte es zu diesen Erfahrungen – beidseitig  – in besonderer Intensität kommen.

Die Anreise

Als ich am Montagmorgen vor Heiligabend, also am 21. Dezember, meine Reise nach Tiflis um 6.42 Uhr am Saarbrücker Hauptbahnhof antrat, musste ich mich unweigerlich an den Russland-Trip im Frühjahr 2015 erinnern, als mich mein Reisebegleiter Johannes morgens um kurz vor 9 aus dem Schlaf klingelte, wo ich denn stecke, der Zug komme gleich. Ohne die Zähne geputzt zu haben sprintete ich mit Backpack und notdürftig zusammengeworfenem Handgepäck seinerzeit so schnell es ging von meiner Wohnung zum Bahnhof, sodass ich beim Erreichen des Bahnsteigs bereits völlig aus der Puste war, ich den Zug aber aufgrund einer zehnminütigen Verspätung glücklicherweise doch noch erreichen konnte und anschließend zufrieden und erschöpft imstande war, im Bordbistro meinen Morgenkaffee einzunehmen. Eine tolle Leistung und lustige Erinnerung, die Johannes bis heute die Schweißtropfen ins Gesicht treibt.

So weit ist es diesmal zum Glück nicht gekommen. Ich erreichte meinen Zug, der mich über Mannheim zum Stuttgarter Hauptbahnhof bringen sollte, überpünktlich. Nach Ankunft am Stuttgarter Skandalbahnhof Stuttgart 21 hievte ich meinen mit Weihnachtsgeschenken vollgepackten Koffer und den Handgepäck-Trolli zur Stuttgarter S-Bahn, die mich sogleich nach Echterdingen brachte, wo sich Messe und Flughafen befinden.

Zum Flughafen Stuttgart ist zu sagen, dass ich selten einen derart schlecht organisierten (es werden Schlangen am Security Check-in geschlossen und wenn sich die Leute neu angestellt haben und die Bediensteten merken, dass die Schlangen jetzt zu lange sind, wieder geöffnet) und überteuerten (Ausnahme wahrscheinlich Dubai Airport) Flughafen dieser Größenordnung gesehen habe. Deutsche-Bahn-Englisch sprechendes Personal („plis jus se gät namber 21“, in Anlehnung an einen „spon-Artikel“), das bereits mit wenig Durchgangsverkehr überfordert zu sein scheint. Vielleicht hatte ich auch einfach nur einen schlechten Tag erwischt. Ein weiteres Ärgernis bestand auch darin, dass an diesem Tag gefühlt besonders vielen Passagieren erst vor dem Handgepäck-Scan einfiel, dass sich noch Flüssigkeiten und „electronic devices“ in ihrem Handgepäck befanden, sodass jenes dann minutenlang wieder geöffnet werden musste und die restlichen Passagiere warteten.

Tiflis wird insbesondere von türkischen Fluggesellschaften bedient und ich hatte in Erwartung eines günstigeren Angebots leider verpasst, einen Monat vorher zu etwa gleichen Konditionen Turkish Airlines zu buchen, sodass mir der Sektempfang verwehrt blieb und ich mich jetzt ein paar Stunden in den Pegasus Airlines-Billigflieger zwängen musste, bevor mir ein mehrstündiger Aufenthalt in Istanbul Sabiha-Gökcen im Stadtteil Besiktas bevorstand, an dem wenige Tage später eine Explosion in der Nähe eines Fliegers der gleichen Fluggesellschaft erfolgen sollte. Den zweieinhalbstündigen Nachtflug nach Tiflis ertrug ich dann, indem ich mir den Pegasus-Deal von zwei Efes-Pilsenern zum humanen Preis von 8 Euro gönnte.

Der Flughafen Tiflis ist dadurch gekennzeichnet, dass, bis auf ganz wenige Ausnahmen, der gesamte Flugverkehr nachts abgewickelt wird. Ich kam also nach extrem wackeliger Landung (außen wehten Sturmböen) wohlbehalten nachts um zehn vor drei am Rustaveli-Airport an. Bereits innerhalb des Flugzeugs brach sich die georgische Mentalität Bahn, auf die ich später noch genauer eingehen werde. Ich habe es noch nie gesehen, dass nach Landung eines Flugzeuges so schnell von seinen Sitzen aufgesprungen wird, um das Handgepäck aus den Fächern zu nehmen, obwohl sich das Flugzeug noch mitten im Bremsvorgang befindet und noch nicht einmal die Flugbegleiter von ihren Plätzen aufgestanden sind. Der Flughafen, benannt nach dem mittelalterlichen Dichter Shota Rustaveli (genau wie die Prachtstraße im Stadtzentrum), liegt eine etwa halbstündige Autofahrt von Tiflis entfernt und machte auf mich einen angenehmen, wohlorganisierten Eindruck. Zu meiner Überraschung konnte ich an der Passkontrolle bereits einen ersten Eindruck von der berüchtigten georgischen Gastfreundschaft erlangen, wo mir die attraktive Grenzbeamtin als Willkommensgeschenk eine Flasche georgischen Saperawi-Rotwein überreichte, von dem sie kistenweise an der Rückwand ihres Arbeitsplatzes hortete.

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Der Saperawi ist das Aushängeschild des georgischen Weinbaus, fast überall im Land erhältlich und stammt aus dem Alasani-Tal in der Region Kachetien im Südosten. Als ich den Arrival-Bereich verließ, erkannte ich Amélie auf Anhieb innerhalb einer Meute Georgier stehen, zusammen mit dem Taxifahrer, der sie unbedingt begleiten wollte, weil er befürchtete, ansonsten auf seinen Fahrtkosten und Parkgebühren sitzen zu bleiben. Nach der Begrüßung fuhren wir in die Stadt zu Amélies WG.

Tiflis

Wir kamen mitten in der Nacht etwas außerhalb der Innenstadt an. Sie wohnt auf der östlichen Seite des Flusses in einem Gebiet mit suburbanem Charakter, das sich in der Nähe des Tiflisser Bahnhof befindet. Das Haus der WG gleicht einer Lagerhalle einer alten Fabrik, generell sieht die Umgebung nicht sehr einladend, wenn nicht gar heruntergekommen aus, was jedoch weiten Teilen des Stadtbildes von Tiflis entspricht. Nichtsdestotrotz kann man von einer sicheren und in Teilen bürgerlichen Wohngegend sprechen, welcome to Georgia eben.

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Auffällig ist, dass es in dem Viertel, ähnlich wie in ganz Tiflis, eine Reihe alter Tante-Emma-Läden gibt. Insgesamt besteht offenbar der Großteil der Tiflisser Nahversorgung noch immer aus inhabergeführten kleinen Lebensmittelläden. Super. In der Nähe des Bahnhofs befindet sich auch ein größerer Basar. Auch sind immer wieder kleinere Gemüse- und Blumenmärkte vorhanden. Die in Mitteleuropa mittlerweile omnipräsenten Lebensmitteldiscounter und Supermärkte scheinen erst seit Kurzem im georgischen Markt zu sein, insbesondere in Form der französischen Kette carrefour, die über eine durchaus große Produktpalette verfügt, die Qualität der Produkte lässt wie in den kleineren Läden des Öfteren jedoch zu wünschen übrig. 

Amélie wohnt zusammen mit Nilly, einer Austauschstudentin aus Surinam, die im Rahmen eines Stipendien-Abkommens zwischen Georgien und Surinam vor vier Jahren um die halbe Welt nach Tiflis gekommen ist, um Medizin zu studieren. Zweiter Mitbewohner ist Rico, der im August 2015 in Jena (Thüringen) zu einer Weltreise aufgebrochen ist, die er seither vollständig zu Fuß (!) bewältigt. Nachdem er durch ganz Osteuropa und die Türkei wanderte und in Gärten von Unbekannten zeltete oder um Obdach bat, nur mit einem kleinen Wagen beladen, den er hinter sich her zieht, will er den Winter nun in Tiflis verbringen, bevor er Georgien im April in Richtung Mittelasien verlässt. Wenn Ihr Euch für ihn und sein Projekt interessiert, so könnt Ihr seinen Trip hier verfolgen.

Tiflis verfügt über eine große, verwinkelte und herausgeputzte Altstadt mit traditionellen Bauwerken georgischer Architektur, die durch den Neubau einiger moderner und repräsentativer Gebäude erweitert wurden.

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Die nicht nur bei Einheimischen unbeliebte neue Brücke („Damenbinde“) hat sich, ähnlich einiger Saarbrücker Prestige-Bauwerke, zum Millionengrab entwickelt und verleiht der Innenstadt auch nachts einen ganz eigenen Charme.

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Auffällig ist die Georgien eigene Architektur mit den Häusern vorgelagerten Veranden, welche in anderen Teilen des Landes komplett um die Häuser herumragen. Innerhalb der Altstadt gibt es daher die wohl einzige gänzlich sanierte Bausubstanz der Stadt, in den malerischen Häusern befinden sich nicht selten auf russische und europäische Touristen zugeschnittene Restaurants und interessante kleine und individuelle Boutique-Hotels.

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Die Altstadt wird von dem Fluss Mtekwari durchzogen. Überquert man den Fluss von der Altstadt kommend, so führt eine Seilbahn direkt auf den Hügel hinter der Altstadt, wo sich Burg und „Mother of Georgia“ befinden und von wo aus man einen hervorragenden Blick über die gesamte Stadt, hier Trinity Cathedral und freedom square, hat.

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Generell ist in Tiflis eine recht gute touristische Infrastruktur vorhanden, samt zahlreicher Freizeitaktivitäten. So fährt eine Bergbahn auf den Mtazminda („heiliger Berg“), von wo aus man eine noch bessere Aussicht, jedoch aus einem anderen Blickwinkel, genießen kann. Auch gibt es dort einen großen Freizeitpark.

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Als ich mich bei der Vorbereitung auf die Reise mit Tiflis beschäftigte, so fiel mir in einem Blog die Bezeichnung „morbider Charme“ ins Auge. Verlässt man die Altstadt nur ein wenig, so bezeichnet die Metapher ziemlich präzise das übrige Stadtbild von Tiflis. Nahezu überall lässt sich eine Mischung aus Alt und Neu, modern und (prä-)historisch, aus Schönheit und Verfall identifizieren. Hin und wieder fällt einem auf, dass verfallene Häuser offensichtlich einfach sich selbst überlassen werden, was sich sozusagen leitmotivisch über das gesamte Stadtbild erstreckt.

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Alltag und Mentalität:

Als Besucher einer Stadt bzw. generell als Tourist – ob Pauschal- oder Individualreisender – bekommt man i. d. R. nur einen ersten Eindruck der Gepflogenheiten des Landes, des alltäglichen Lebens und auch der kulturellen Unterschiede, mit denen man sich trotz bzw. aufgrund aller Toleranz, interkulturellen Kompetenz und Reiseerfahrung oftmals arrangieren muss.  So ist es in der Regel der Fall, dass einem bestimmte Eigenheiten des Landes gewöhnungsbedürftig, unlogisch oder auch eigen vorkommen mögen. So etwa die Tip-Kultur in den USA, bei der man nie so richtig weiß, wie hoch der Tip sein und wo man ihn hinlegen soll. Direkt mitbezahlen, auf dem Tresen sammeln oder wie? Oder das Einkaufsritual in Lettland: Geld auf den Zahlteller (NIEMALS in die Hand!) legen, warten, bis die unfreundliche Bedienung das Wechselgeld auf den Teller gibt. Nicht „Guten Tag“ oder „auf Wiedersehen“ sagen; ein „Danke“ wird hingegen toleriert. Ich erinnere mich dahingehend immer gern an die Servicementalität gewohnte Japanerin, die an der Kasse stehend fast verzweifelte, und beim Versuch des Aufnehmens einer Tüte zum Einpacken der Einkäufe von einem Klaps auf die Hand von der Kassierin überrascht wurde. Als Positiv-Beispiel kann hierbei etwa das Schlange stehen in Großbritannien genannt werden. In solchen Situationen gilt es, sich auf das Land einzulassen und die Situation nicht zu hinterfragen oder gar zu werten (man erinnere hierbei an diejenigen Menschen, die bei jeder Gelegenheit alles, was sie sehen und erleben mit Zuhause vergleichen und jeden zweiten Satz mit „In Germany…“ oder – schlimmer – „in my hometown…“ beginnen).

In Tiflis sollten sich einige dieser Erfahrungen einstellen.

Beispiel Straßenverkehr:

Das durch zum Teil uralte, aus Japan oder Europa importierte Taxis und Marshrutkas dominierte Straßenbild ist gekennzeichnet durch eine egozentrische und wilde Fahrweise, wobei sich der überwiegende Teil der Fahrer nur eingeschränkt an Regeln zu halten scheint. Es wird dabei häufig gehupt und auch innerorts überholt. Die Fahrzeuge sind technisch nicht auf dem neuesten Stand, im Fahrzeug wird sich selten bis nie angeschnallt. Der Straßenverkehr erinnert bereits an sein Pendant in ostasiatischen Ländern, wenngleich bei Weitem nicht in dem Ausmaß und auch nicht in der Intensität. Dennoch kann der Straßenverkehr für Besucher recht nervenzehrend sein. Als Fußgänger bieten sich einem drei Möglichkeiten:

1. Es gibt keinen Bürgersteig und man muss am Rande der meist hoch frequentierten Straßen laufen und sehen, dass man unversehrt sein Ziel erreicht.

2. Es gibt einen Bürgersteig, dieser ist jedoch durch parkende Fahrzeuge nicht begehbar.

3. Es gibt einen Bürgersteig, dieser ist jedoch voller Schlaglöcher, Hundekot, streunender Hunde und parkender Fahrzeuge.

Für Fußgänger ist Tiflis, zumindest außerhalb der Altstadt, nur bedingt geeignet.

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Beispiel Metro:

Öffentlicher Personennahverkehr beschränkt sich in Tiflis weitgehend auf ein undurchschaubares System an öffentlichen Bussen und Marshrutkas. Es gibt jedoch auch zwei Metro-Linien, die sogar recht rege frequentiert werden. Die Metro erinnert in der Bauweise an ihr Moskauer Pendant (wenn auch nicht so prachtvoll), die Metro ist tief in der Erde gegraben und die Züge die gleichen wie in Moskau. Was sich unterscheidet sind jedoch die Gepflogenheiten. Ist die Moskauer Metro einfach nur unglaublich groß, hektisch und mit Menschenmassen bevölkert, wähnt man sich in Tiflis von der Menschenmenge her wie in einem Vorort. Dies ändert sich mit dem Zeitpunkt, an dem man die Metro benutzt. Wenn der Zug einfährt, bricht sich sogleich ein Gerangel Bahn, wer als erstes an der Tür steht, um einsteigen zu können. Die zum Aussteigen gewillten Insassen werden nicht etwa passieren gelassen, sondern es wird von innen wie von außen gedrückt, sodass man sowohl beim Einstieg als auch beim Ausstieg bestenfalls Ellenbogen und Muskeln spielen lässt, will man nicht erst die nächste Haltestelle ein- bzw. aussteigen. Anstrengend!

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Beispiel Gastronomie:

Das Ausgehen in Tiflis steht unter dem allgemeinen Motto: Es darf geraucht werden. Immer und überall. Ob in einem der zahlreichen Cafés (extra Blogbeitrag ist in Bearbeitung), in einfachen oder schicken Restaurants, in Dive Bars oder in Clubs: In Tiflis wird überall geraucht. Ähnlich wie in Deutschland vor vielen Jahren ist es an der Tagesordnung, dass man die Klamotten nicht mehr als einen Abend anziehen kann. Für die einen eine willkommene Retro-Erfahrung, war dies für mich im dritten Monat meiner Abstinenz natürlich knallhart und nur schwer erträglich.

Beispiel Philharmonie:

Nachdem ich für Amélies WG standesgemäß Rindersteaks mit Rotwein-Rahmsauce zubereitete, stand Heilig Abend dann ganz im Zeichen eines Besuchs des renommierten Tiflisser Balletts, das an diesem Abend Tschaikowskijs „Nussknacker“ zum besten gab. Ein Traum. Die Vorstellung sollte um 21 Uhr beginnen. Als wir uns um kurz vor neun der Konzerthalle näherten, war dort ein riesiger Pulk von Besuchern, die allesamt auf den letzten Drücker in die Halle drängten und freilich ähnliche Methoden wie in der U-Bahn anwendeten, um an den lediglich zwei Kontrolleuren möglichst rasch vorbeizukommen. Wir schafften es, rechtzeitig an unseren Plätzen zu sein. Auch hier muss man Nerven behalten. Zahlreiche lautstarke Kinder, Besucher auf der Suche nach ihren Plätzen im Saal, während der Aufführung im Gang stehende und sich fortlaufend unterhaltende Menschen sorgten für eine Atmosphäre, bei der es schwierig war, sich auf die Vorstellung zu konzentrieren. Verwunderlich war, dass das Ensemble von Weltformat sowie das Orchester ihr Programm trotz des Lautstärkepegels im Saal ohne Schwierigkeiten durchzogen. Eine solche Atmosphäre schien wohl an der Tagesordnung zu sein. Einerseits könnte man das Verhalten der Besucher als respektlos abkanzeln, andererseits ist der Theaterbesuch hier offensichtlich tatsächlich noch etwas demokratisches und jemand, der dies mit etwas Spießigem bzw. Elitärem verbindet, wird hier sicherlich eines besseren belehrt. Eine willkommene Abwechslung und eine wirklich beeindruckende Inszenierung dieses Klassikers.

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Beispiel Essen:

Jeder, mit dem ich im Vorfeld meiner Georgienreise sprach, sagte mir sinngemäß einen Satz: „Du wirst das Essen in Georgien auf keinen Fall vertragen!“ Nun gut, da ich sowieso über einen eher anfälligen Verdauungstrakt verfüge, nahm ich mir vor, mein Bestes zu geben. Ich hielt drei Tage durch. Die georgische Küche ist nicht übertrieben reichhaltig, dagegen jedoch sehr deftig und lecker, gleichzeitig jedoch von Koriander überflutet. Neben Khinkali (mit Fleisch oder Gemüse sowie reichlich Koriander gefüllte Teigtaschen), gegrillten Fleischspießen (Schaschlik) und diversen gefüllte Fladen (z. B. lobiani, mit Bohnen gefüllt) ist insbedondere chatschapuri das Nationalgericht Georgiens und besteht aus einem Hefeteigfladen, gefüllt mit typisch georgischem und in Salzlake eingelegten Käse, saurer Sahne, Knoblauch und Spiegelei. Gewöhnungsbedürftig, jedoch super Essen, wenn auch sehr mächtig, aber definitiv zu viel für den deutschen Magen…

Beispiel Sprache:

Tiflis ist keine multikulturelle Stadt. Neben Touristen aus Europa und der russischen Föderation gibt es vor allem indische und nigerianische Communities in der Stadt, die vornehmlich als Austausch- bzw. reguläre Studierende im Land sind. Die georgische Sprache ist in Tiflis selbstredend die vorherrschende Verkehrssprache. Während die ältere Generation vorwiegend auch dem Russischen mächtig ist (und die meisten Bediensteten in der Tourismusbranche), kommt in den jüngeren Bevölkerungsteilen immer mehr auch das Englische auf. Nur mit Englischkenntnissen einzureisen sollte unproblematisch sein, wenngleich natürlich nicht jeder Taxifahrer dessen mächtig ist. Erfreulich ist, dass viele Schilder im öffentlichen Raum von Tiflis ins Lateinische transskribiert und z. T. auch ins Englische übersetzt sind.

Beispiel Feste:

Am Silvesterabend machte ich einen Fehler, der mir immer und immer wieder passiert: Ich trank in der Öffentlichkeit Alkohol, was in dem Land verboten ist. Glücklicherweise kann ich sagen, dass ich bisher lediglich ein einziges Mal dabei erwischt worden bin und 30 Lat (Ausländer-Preis) Strafe an einen lettischen Polizisten zahlen musste. Gleichwohl hatte ich freilich Glück, als ich am helllichten Tag im Zentrum Dublins eine Dose Guinness abpumpte und erst später erfuhr, dass darauf empfindliche Strafen ausgesetzt sind. Ich dachte mir also nichts dabei – die Georgier gelten als gute Trinker, Alkohol folglich als sozial akzeptiert – und beschloss, mir eine Dose des leckeren georgischen Natakthari zu gönnen. Obwohl ich mein Bier zu allem Unglück auch noch vor einem Polizisten öffnete, wurde ich nicht festgenommen. Auf Nachfrage, wie es zu diesem Vorgang hatte kommen können, entgegnete mir Nillys Freund Giorgi, dass dies wohl darauf zurückzuführen sei, dass an Silvester erstens nicht so strenge Regeln gälten, zweitens Touristen als Haupteinnahmequelle des Landes eine Vorzugsbehandlung genössen. Nichtsdestotrotz verbrachten wir den Abend zunächst am freedom square, wo auf einer großen Bühne ein Opernkonzert live vom georgischen Fernsehen übertragen wurde. Beeindruckend. Gleichzeitig wurden von einigen Wahnsinnigen riesige und extrem laute Böller in die Menschenmenge geworfen oder in der Nähe von Menschen gezündet. Total unentspannt! Für Mitternacht fuhren wir mit der Seilbahn zur Mother of Georgia, wo wir uns den besten Blick auf das zu erwartende Feuerwerk erhofften. Wir sollten Recht behalten.

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Überhaupt scheint Georgien ein überaus sicheres und von Korruption in der Öffentlichkeit befreites Land zu sein. Bei meiner Reisevorbereitung hatte ich bereits recherchiert, dass es Saakaschwili offensichtlich gelungen war, die Polizei von Korruption zu befreien (eigentlich kaum zu glauben), auch solle Georgien auf Rang acht der sichersten Länder der Welt stehen. Ich kann nur sagen, dass ich in den 11 Tagen meines Aufenthalts nicht ein einziges Erlebnis hatte, das mich an der Validität dieser Aussagen zweifeln ließe.

Fazit:

Alles in allem muss ich sagen, dass der Aufenthalt in der Kaukasus-Republik für mich in jedem Fall sehr faszinierend war, ich mich auf Anhieb in Tiflis sehr wohlgefühlt habe und meinen Horizont erweitern konnte. Sicherlich ist das Leben für den Großteil der Einheimischen in Georgien sehr beschwerlich, dafür gebührt mein größter Respekt. Die Wohnverhältnisse sind in der Regel mehr als ärmlich in Relation zu den Industrienationen, viele Menschen in der Stadt leben in heruntergekommenen Plattenbau-Siedlungen, die seit den 1970er Jahren oft nicht saniert wurden bzw. auf dem Land in einfachsten Verhältnissen. Viele leben in Armut, das Lohnniveau ist sehr niedrig. Auch das Sozialsystem ist marode. Die wirtschaftliche Schwäche ist sicherlich auch darauf zurückzuführen, dass im Land seit dem Zusammenbruch der Sowjetunion kaum Industrien vorhanden sind. Exportschlager sind die georgischen Weine sowie ein paar Nüsse und Kiwis. Diese häufige Perspektivlosigkeit schlägt sich bei vielen auch in einer pessimistischen Grundhaltung nieder (zumindest konnte ich diese in den meisten meiner Gespräche mit Einheimischen vernehmen). Viele Menschen haben aufgrund der schwachen wirtschaftlichen Dynamik kaum berufliche Perspektiven, Reisefreiheit ist für viele aufgrund wirtschaftlicher Zwänge und Reisebeschränkungen ein Traum. Einige haben Georgien noch nie verlassen oder waren maximal in Armenien, manche in Russland oder der EU. Deutschland ist oftmals das Sehnsuchtsland der jüngeren Generationen. Die in vielerlei Hinsicht privilegierte Lebensweise im Vergleich zu Gleichaltrigen in Georgien ließ mich mit großer Demut nach Deutschland zurückkehren. Ich habe ein sehr gastfreundliches, gemütliches und inspirierendes Land kennengelernt (auf die Gastfreundschaft wird in einem weiteren Beitrag noch genauer eingegangen). Bis auf die Tatsache, dass auch mich das georgische Essen einige Tage aus der Bahn geworfen hatte, kann ich dem Trip nur Positives abgewinnen. Auch durfte ich eine tolle Zeit in Amélies WG mit ihren tollen Mitbewohnern verbringen. Ob der Beschwerlichkeiten, die der Alltag in Georgien oftmals mit sich bringt, weiß man die eigenen Lebensumstände wieder mehr zu schätzen. Leider konnte ich nicht mehr von diesem tollen Land und seiner Landschaft ansehen.

 

 

 

 

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