Von großen Pyramiden, freiliegenden Hinterteilen und grünen Indianern – Ein Ausflug nach Teotihuacán

Einer der wenigen Touristen-Hotspots in der Umgebung von Mexiko City ist die Ruinenstadt Teotihuacán, welche sich etwa eine Stunde nordöstlich der Hauptstadt im zentralen Hochland Mexikos befindet. Die Besichtigung kann gut als Tagesausflug eingeplant werden. Die recht komplizierte Planung lohnt sich: Ein magischer Ort.

Auf Reisen ist es oft so, dass einem morgens noch nicht bewusst ist, dass man abends vieles erlebt und über das Land gelernt haben wird. Da ich mich noch nicht so wirklich an das Klima in Mexiko City in Smog und Höhenluft gewöhnt hatte und Montezumas Rache mich plagte, entschied ich erst spontan, an dem Ausflug nach Teotihuacán teilzunehmen, den wir am vierten und letzten Tag unseres Aufenthalts in der Hauptstadt geplant hatten. Es war die richtige Entscheidung, sollte dieser Ausflug doch zu denjenigen gehören, an die man sich noch lange zurückerinnern wird.

Die Vorbereitung

Es gibt von Mexiko City aus mehrere Wege, nach Teotihuacán zu kommen: Von privaten Reisebüros organisierte Touren, von Hostels organisierte Touren sowie per öffentlichem Bus vom Busbahnhof im Norden der Stadt. Da unser Hostel keine Touren anbot, blieben nur noch zwei Optionen, die jeweils Vor- und Nachteile haben.

Organisierte Tour

Bei einer organisierten Tour, die man über das Internet oder in Reisebüros vor Ort buchen kann, wird man am Busbahnhof oder an einem Ort im Stadtzentrum abgeholt und nach Teotihuacán gebracht. Man spart also Zeit, da man nicht an die Abfahrtszeiten am Busbahnhof gebunden ist und nicht mit der U-Bahn dorthin fahren muss. Die Touren gelten in aller Regel als sicher.

Um dem größten Besucherstrom zu umgehen, sollte man recht früh am Tag aufbrechen, um rechtzeitig vor Ort und abends wieder zurück in der Stadt zu sein. Unsere Recherchen ergaben, dass viele Touren dabei zwar früh starten, jedoch nicht auf auf direktem Wege in die Ruinenstadt fahren und zwischendurch noch an mehreren Shopping-Centern anhalten, wo versucht wird, den Teilnehmern das Geld aus der Tasche zu ziehen (eine in vielen Touristengebieten verbreitete Masche). Ein weiterer Nachteil einer solchen Tour ist, dass diese in der Regel teurer sind als der reguläre Nahverkehrsbus. Auch ist man natürlich nicht unabhängig und muss sich an die Zeiten des Reiseveranstalters halten.

Öffentlicher Personennahverkehr

Es gibt vom Busbahnhof im Norden der Stadt die Möglichkeit, mit öffentlich betriebenen Nahverkehrsbussen nach Teotihuacán zu kommen, die etwa eine Stunde brauchen. Hierbei ist der Nachteil, dass man mit öffentlichen Verkehrsmitteln zu dem Busbahnhof fahren muss, der sich etwas außerhalb des Zentrums befindet. Vorteile sind der günstige Preis und die Unabhängigkeit. Die Busse verkehren regelmäßig (etwa einmal pro Stunde) und den ganzen Tag über. Auf der anderen Seite berichten einige Foren von sicherheitsrelevanten Vorfällen auf der Strecke. Letztendlich besteht in Mexiko immer das Risiko, Opfer von Kriminaliät zu werden. Die Bedenken haben sich auf unserer Fahrt nicht bewahrheitet.

Die Anreise

Die Anreise erfolgt über den Busbahnhof im Norden der Stadt (autobuses del norte), der gut an die Metro angebunden ist (gelbe Linie Nummer 5 Richtung Politecnico). Wir fuhren von Roma Norte aus zum Busbahnhof, in dessen Terminal wir die Tickets nach Teotihuacán kauften. Der abgenutzte, jedoch bequeme Bus sollte etwa eine halbe Stunde später abfahren.
Der Check-in lief problemlos (an mexikanischen Busbahnhöfen wird man auf das Mitführen von Waffen hin untersucht), sodass wir ohne weitere Beschränkungen in den Bus einsteigen konnten. Im Bus selbst läuft zunächst eine Mitarbeiterin der städtischen Busgesellschaft (so sah es zumindest aus) umher und verteilt Schokolade – natürlich obligatorisch und gegen Entgelt. Nun gut. Der Bus füllte sich mit Einheimischen, die offensichtlich an der Wegstrecke oder in der Nähe von Teotihuacán wohnten sowie vereinzelt amerikanischen, asiatischen und französischen Touristen (generell scheint Mexiko City von Franzosen sehr stark frequentiert zu sein). Der Bus fuhr aus dem Bahnhof und hielt sofort an der ersten Kreuzung an, um den nächsten fliegenden Händler hereinzulassen. Ein Wasserverkäufer, offenbar ehemaliger Busfahrer und nun arbeitslos, jedoch ein sehr sympathischer Mann. Nach etwas Business verließ er den Bus in einem der zahlreichen unüberblickbaren Staus Mexiko Citys, in denen sich der Bus längere Zeit befand. Kaum auf dem Highway raus aus der Stadt hielt der Bus dann ein weiteres Mal an, um eine Gruppe Mariachi-Spieler aufzunehmen, welche die Gäste während der nächsten halben Stunde mit mexikanischer Volksmusik beschallten und den Bus an einem Autobahn-Stopp außerhalb Mexiko Citys wieder verließen – natürlich nicht, ohne vorher von den Reisenden einen Obolus einzutreiben. Vorbei an gigantischen Häusermeeren mit bunten oder grauen Häusern an den Hängen des zentralmexikanischen Hochlands und der von grauen Wolken bedeckten Hügellandschaft erreichten wir die Ruinenstadt etwa eine Stunde später.

Der Ort

Teotihuacán zählte einst ca. 200000 Einwohner und gehört heute zu den bedeutendsten Ruinenstädten Mittelamerikas, wurde bereits von den Azteken als solche entdeckt und ist seit 1987 Weltkulturerbe. Man erreicht den Ort auf einem Parkplatz, wo der Bus anhält, der die Touristen raus lässt und in die umliegenden Dörfer weiterfährt. Nach dem Kauf einer Eintrittskarte (umgerechnet ca. 7 Euro) passiert man zunächst jede Menge Shops sowie ein Restaurant, bevor man das riesige Areal betritt.

Eingang in die Ruinenstadt Teotihuacán

Bereits am Eingang beschleicht den Besucher beim Anblick der riesigen Ausmaße der Stadtanlage ein mystisches Gefühl. Eine antike Stadt, deren Grundmauern und Pyramiden gut erhalten sind, umrandet von massiven Bergen, an denen sich die Wolken schneiden, Wind und Nebel, frischer und dünner Luft sowie wilden Bäumen und Kakteen. Eine absolute Stille durchzieht den Ort, die nur durch die fliegenden Händler unterbrochen wird, die Flöten verkaufen sowie Geräte, mit denen das Geräusch wilder Tiere imitiert werden kann.

Man folgt dem Weg dann in Richtung der beiden großen Pyramiden entlang der Straße der Toten, die sich durch die gesamte Stadtanlage zieht und an deren Ränder Treppenanlagen und Ruinen ehemaliger Wohnbebauung zu besichtigen sind. Am Ende der Straße steht die Mondpyramide, am Rand die Sonnenpyramide und auf der anderen Seite der Quetzalpapalotl-Palast. Die anwesenden Touristen verlieren sich in der schieren Größe der Ruinenstadt und verleihen der Örtlichkeit so einen authentischen Charakter.

Sonnenpyramide

 

Quetzalpapalotl-Palast

Die Sonnenpyramide ist mit einer Höhe von ca. 65 Metern die zweitgrößte Pyramide des amerikanischen Kontinents und steht im Zentrum Teotihuacáns. Es wird davon ausgegangen, dass die Pyramide religiösen Zwecken diente und einer Gottheit gewidmet war, wobei die Annahmen zwischen „Sturmgott“ und „Großer Göttin“ schwanken.

Blick von der Sonnenpyramide zur Mondpyramide

Umso unverständlicher ist es, wie sich ein Tourist vor Ort verhält und auf der Spitze der Sonnenpyramide seine Hose herunterzieht, um seine Freundin ein Foto seines Allerwertesten machen zu lassen. Das ist nicht nur respektlos den Kulturen gegenüber, die diesen Ort als etwas Heiliges angesehen haben oder es noch tun, es ist auch nervtötend und unverschämt anderen Besuchern gegenüber, die diesen magischen Ort besichtigen und genießen möchten.

Von der Spitze der Sonnenpyramide aus hat man einen hervorragenden Blick auf die gesamte Stadtanlage sowie deren Umland. Die Ruinenstadt ist im Hochland gelegen, eingebettet in ein malerisches Bild von Bergen auf etwa 2300 Metern Höhe, umgeben vom saftigen Grün der Bäume, Sträucher und Kakteen.

Mondpyramide

Von der Mondpyramide aus erhält man einen Gesamtüberblick über den historischen Aufbau der Stadt und spürt die Weite dieser Anlage in besonderem Maße. Man bekommt einen Eindruck davon, wie die Stadt ausgesehen haben muss, als sie vor mehr als 1300 Jahren noch bevölkert war.

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Die Rückfahrt

Nach dem Besuch begibt man sich an einen der umliegenden Parkplätze, um einen der Busse zu nehmen, die nach Mexiko City fahren. Viele Busse haben keine oder nur widersprüchliche Beschriftungen, weshalb man sich mehrfach versichern sollte, ob der jeweilige Bus auch wirklich ans gewünschte Ziel fährt. Wir hatten Glück und konnten zeitnah zurückfahren. Wir entschieden spontan, den Bus etwas früher zu verlassen, um an der Haltestelle Indios Verdes mit der grünen Linie 7 zurück nach Roma zu fahren. Hier erschloss sich uns ein Stück Mexiko, das wir bis dato so noch nicht erlebt hatten: Geschäftiges Treiben im Berufsverkehr; Gehupe so laut, dass man sein eigenes Wort nicht versteht; Händler, die nervös aus ihren Blechbuden heraus Waren feilbieten; viel zu schnell und kreuz und quer fahrende Autos, Busse und Taxis; Menschen, die hektisch umherlaufen; eine mehrere hundert Meter lange Schlange vor einem einzigen Fahrkartenschalter; Herumlungernde, denen ich nach Einbruch der Dunkelheit nicht begegnen möchte. Ich kenne die Dynamik riesiger U-Bahnstationen im Berufsverkehr aus London, Moskau, New York; am Ende sind sie aber überall nochmal speziell und zeigen, wie das Land tickt. Ein Erlebnis.

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