Nachtzug nach Jerewan – Reisen wie in einer anderen Zeit

Für die Zeit zwischen den Jahren hatten wir uns vorgenommen, in die südlichste der Kaukasus-Republiken, nach Armenien, zu reisen, um dort die Hauptstadt Jerewan zu besuchen. Die Frage des Verkehrsmittels war dabei schnell geklärt. Da ich im Voraus bereits erfahren hatte, dass zwischen Tiflis und Jerewan einen über den anderen Tag ein Nachtzug verkehrt, war die Entscheidung gefallen. Ich sollte sie nicht bereuen.

Generell bieten sich bei der Wahl des Transportmittels zwischen Tiflis und Jerewan drei Optionen:

  1. Marshrutka: Das Verkehrsmittel bedeutet ungewisse Abfahrtszeiten (die Marshrutkas warten, bis sie vollbesetzt sind), eine holprige Fahrt über Gebirgspässe und Buckelpisten (und das im tiefsten Winter) sowie längere Wartezeiten an der Grenze (Schmuggelware). Mit umgerechnet ca. 15 Euro Fahrtkosten und sechs Stunden Fahrtzeit stellt die Marshrutka dennoch eine günstige und verhältnismäßig kurze, jedoch nicht ungefährliche und unkomfortable Variante des Reisens dar.
  2. Taxi: Das Taxi hat dieselben Vor- und Nachteile wie die Marshrutka, ist jedoch etwas teurer, dabei jedoch auch etwas komfortabler und schneller. Problematisch ist, dass man bei beiden Verkehrsmitteln dem jeweiligen Fahrer ob der nicht ungefährlichen Routen Vertrauen entgegen bringen sollte.
  3. Zug: An geraden Tagen verkehrt ein Zug zwischen Tiflis und Jerewan, an ungeraden in die entgegengesetzte Richtung. Die Preise variieren zwischen umgerechnet ca. 25 Euro (3. Klasse) und ca. 38 Euro (1. Klasse). Die Fahrt dauert ca. 10 Stunden.

Wir entschieden uns für den Zug, den wir am Tag vor der Abreise am Bahnhof in Tiflis buchen wollten. Dort angekommen zogen wir eine Nummer, um etwa nach zehnminütiger Wartezeit drangenommen zu werden und nach zwei Tickets nach Jerewan zu fragen.

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Anzeigetafel in der Bahnhofshalle

Die forsche, aber freundliche Mitarbeiterin fragte uns, ob wir denn erster, zweiter oder dritter Klasse fahren wollten. Da ich in meinem ganzen Leben noch nicht erster Klasse gefahren bin, dies jedoch unbedingt einmal machen wollte und die Preise dies hier nun wirklich zuließen, war meine Chance gekommen. Ich entschied: „We go for the first class tickets, please.“ Am Schalter war nur Barzahlung möglich, ich lief also unverzüglich zum nächsten verfügbaren  Geldautomaten, während die Verkäuferin mit unseren Reisepässen die Fahrkarten vorbereitete.

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Ich freute mich wie ein kleines Kind: Nachtzug, irrsinnig lange 10 Stunden Zugfahrt für nicht einmal 300 Kilometer, und das in einem uralten Zug der armenischen Staatsbahn im privaten Schlafabteil erster Klasse. Mehr geht nicht. Es sollte ein Erlebnis werden.

Als wir am nächsten Abend pünktlich den Zug erreichten, wurden wir bereits von der im Waggon der ersten Klasse arbeitenden Zugbegleiterin zwecks Passkontrolle empfangen („откуда вы? Where’re you from?“ „Germany, германия.“ „Ah, Albania…“), bevor wir den Zug boarden und das Abteil beziehen konnten. Das Abteil im Waggon der ersten Klasse sah aus wie aus einer längst vergangenen Zeit (deutete aber bereits die Atmosphäre Jerewans voraus): abgewetzte Pritschenbezüge, überall Holzverkleidung, metallische Kleiderhaken, zugiges Fenster bei glühend heißer Heizung; goldene Vorhänge, ein winziges Tischchen mit goldener Tischdecke; mechanische Schließvorrichtung, die so sehr klemmte, dass man sie nach Schließen fast nicht mehr öffnen konnte; Kitsch vor dem Herrn.

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Um das Schlafgemach herzurichten, bekam jeder Passagier einen Plastikbeutel mit frisch gewaschenen, jedoch ebenso abgewetzten Laken und einem Kopfkissen. Als besonderen Service gibt es in der ersten Klasse von der Zugbegleiterin, die sich zunehmend als Kommandante zu erkennen gab und irgendwann nur noch im Befehlston und schreiend mit den Fahrgästen kommunizierte, Bettdecken. Zu meiner Überraschung wird an Bord ein recht gut funktionierendes W-Lan zur Verfügung gestellt. Zudem wird kurz nach der Abfahrt für wenige Lari Tee in verschiedenen Sorten aus einem Samowar gereicht, was wir natürlich umgehend nutzten.

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Kommandante

20151225_213326Rund eine Stunde, nachdem wir den Bahnhof in Tiflis verließen, erreichten wir die Staatsgrenze zu Armenien, wo wir für etwa eine Stunde anhielten. Die Georgier stiegen zur Passkontrolle in den Zug ein, die freundlichen Grenzbeamten hielten etwas Small Talk und gaben uns umgehend und ohne Komplikationen die Ausreisestempel. Der Zug rollte etwa 20 Minuten weiter, bevor er wiederum etwa eine Stunde anhielt, um die armenische Grenzkontrolle zu passieren. Da wir neben einer Ostasiatin und einem südosteuropäischen Pärchen wohl die einzigen Ausländer im Waggon waren, fühlten sich die sehr freundlichen armenischen Grenzbeamten dazu berufen, ihre rudimentären Sprachkenntnisse auf Deutsch zum besten zu geben, ihr Heimatland als „the most beautiful of the world“ zu preisen, uns Ausflugstipps zu geben und noch etwas Small Talk zu halten. Wirklich sehr angenehm, jedoch sollte man Geduld mitbringen. Der Zug verlässt etwa gegen 23 Uhr die armenische Grenze in Richtung Jerewan. Bei einem Blick aus dem Fenster stockte mir der Atem. Wir durchquerten die Gebirgslandschaft des Kleinen Kaukasus im Norden Armeniens, der im fahlen Mondlicht sein atemberaubendes Antlitz mit reißenden Gebirgsbächen und schneebedeckten Berggipfeln bei klirrender Kälte leider nur erahnen ließ. Aufgrund meines fortwährenden Jetlags (in Georgien/Armenien ist es drei Stunden später als in Deutschland) konnte ich gerade einmal zwei, drei Stunden schlafen. Wir erreichten Jerewan pünktlich um sieben Uhr morgens.

 

 

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