Jerewan – Eine Reise in die Vergangenheit

In Jerewan angekommen kam es mir so vor wie an einem beliebigen südostasiatischen Fährhafen: Eine Schar Taxifahrer schlug sich beinahe darum, den Passagieren das Gepäck abzunehmen, bevor versucht wurde, die Ankommenden bei einer Taxifahrt zum Hotel im Stadtzentrum mit Mondpreisen übers Ohr zu hauen.
Glücklicherweise konnten wir uns im Vorfeld der Reise bei Amélies FSJ-Kollegen über den regulären Preis für Taxifahrten in Jerewan informieren, weshalb wir letztlich nur etwa 500 Dram (ca. 1,20 Euro) über Marktpreis für unsere Fahrt zum Hotel zahlten. Man will es ja auch nicht übertreiben, ist man doch auch Tourist und tut dem einheimischen und überdies sehr netten Fahrer auch etwas Gutes dabei. Unbezahlbar war dann das Taxi, mit dem wir den etwa viertelstündigen Trip vom Bahnhof zum Hotel etwas außerhalb des Zentrums machten: Ein BMW mit Baujahr 1986 (Zitat Taxifahrer: „very good German car“), der ungefähr so aussah:

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Quelle: wikipedia

 

Mulmig wurde mir, als der Fahrer den Kofferraum öffnete, wo uns eine Gasflasche entgegen rollte, welche er erst einmal zugunsten unseres Gepäcks verstaute, später dann während der Fahrt im Wagen umher kullerte. Wie bereits in Tiflis, suchte man den Anschnallgurt auf dem Rücksitz des Wagens vergeblich. Die Fahrgeräusche und überhaupt das ganze Feeling erinnerten mich an den Audi 80, den mein Vaters Ende der 1980er, Anfang der 1990er Jahre, gefahren hatte, das Familienauto meiner Kindheit. Insgesamt glich der Aufenthalt in Jerewan in weiten Teilen einer großen Retro-Veranstaltung (siehe weiter unten).

Es war bitterkalt in Jerewan. Auf der Fahrt zum Hotel durchquerten wir weite Teile der Innenstadt, der nette Taxifahrer versuchte uns mit seinen wenigen Brocken Englisch einige Sehenswürdigkeiten kenntlich zu machen, was man jedoch als Neuankömmling nicht hinreichend aufnehmen kann. Wir fuhren auf nicht besonders frequentierten Straßen – es war noch dunkel – und erreichten etwa gegen halb acht Uhr morgens unsere Unterkunft. Ich hatte es mir nicht nehmen lassen, ein schönes, zentral gelegenes Boutique Hotel zu buchen, anstatt wie sonst im Hostel abzusteigen. Es war ja schließlich Weihnachten. Auch freuten wir uns, wieder eine einwandfrei funktionierende Dusche benutzen zu können und uns bei angenehmer Zimmertemperatur (Amélies WG verfügte nur über einen einzigen Heizkörper) aufzuhalten. An der Eingangstür des Hotels wartete ein Page, der uns das Gepäck abnahm, bevor wir glücklicherweise verfrüht einchecken konnten, um danach erst einmal den verlorenen Schlaf der letzten Nacht nachzuholen.

Das Hotel hatte einen guten Business-Standard, Einrichtungsstil europäisch, jedoch mit orientalischen Akzenten. Eine sehr gute Servicequalität und Freundlichkeit des Personals sind genauso hervorzuheben wie die Flexibilität des Hotels, in unserem Fall die Möglichkeit des Early-check-in. Das Preisniveau ist für armenische Verhältnisse zwar hoch (verglichen mit dem Durchschnittslohn von etwa 200 Euro pro Monat sogar sehr hoch), für den gebotenen Standard jedoch akzeptabel. Weitere Gäste konnte ich, mit Ausnahme eines sich auf dem Balkon des Hotelzimmers befindlichen, wohl britischen Pärchens, nicht antreffen, was eine eigenartige Atmosphäre in dem Haus erzeugte. Das Hotel war auch nahezu der einzige Ort in Jerewan, an dem man englischsprachige Menschen in Form der Rezeptionisten antreffen konnte. Insgesamt würde ich es weiterempfehlen, bin jedoch in Sachen Unterkunft auch nicht sonderlich anspruchsvoll.

Jerewan kann, verglichen mit Tiflis, als herausgeputzter, sauberer, unchaotischer und orientalischer (man ist etwa 200 km von der Grenze zum Iran entfernt) charakterisiert werden. Die dominierende Farbe der Bauwerke in Jerewan ist erdfarben.

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In der Stadt tummeln sich eine Menge junger Paare, die dem Druck der teils archaischen Konventionen entfliehen und ihre Liebschaften hier heimlich und ungestört zelebrieren. Der Blick über die Innenstadt Jerewans wurde von einem dichten und übelriechenden Smog getrübt, weshalb man den majestätisch über der Stadt thronenden Ararat leider nur in Umrissen erahnen konnte.

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Ararat nur in Umrissen erkennbar

 

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Sicht ohne Smog (Quelle: creative commons)

Der Ararat gehört bereits zum Staatsgebiet der Türkei. Für die mit Reisebeschränkungen bedachten Armenier ist er daher unerreichbar, was ob der ständigen Präsenz des Berges vor den Toren der Stadt doch etwas grotesk anmutet. Insgesamt zeichnet sich, was Reisefreiheit für Armenier angeht, ein für Mitteleuropäer tristes Bild. So gibt es in nahezu alle Länder im geographischen Umfeld (mit Ausnahme Georgiens) Reisebeschränkungen für die drei Millionen in Armenien lebenden Armenier. Schwelende Konflikte, u. a. mit Aserbaidschan (etwa um Berg Karabach), zementieren die isolierte Situation des kleinen Landes. Präsent ist der sich im kollektiven Gedächtnis des Landes befindliche Genozid während des Ersten Weltkriegs, an den an zahlreichen Orten der Stadt erinnert wird und dem auch ein Mahnmal auf den Hügeln im Nordwesten Jerewans gewidmet ist.

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Mahnmal mit Obelisk

Der von einer Fernsehdokumentation kürzlich als „Sanierungsfall“ charakterisierte Staat lebt insbesondere von Geldtransfers der 10 Millionen Armenier, die außerhalb der Landesgrenzen leben und arbeiten. Die teils atemberaubenden Landschaften, Seen, die schmackhafte Küche sowie die lebensfrohe und gastfreundliche Art der Menschen wird zu touristischen Zwecken kaum vermarktet, touristische Infrastruktur ist mit Ausnahme von auf russische Touristen ausgelegten organisierten Touren mit Taxis und Marshrutki nicht vorhanden.

Dieser Status Quo bleibt dem Besucher auch in der Hauptstadt nicht verborgen. Das Land ist wenig multikulturell, neben Armeniern tummeln sich in Jerewan hauptsächlich Russen, Georgier, Iraner und einige Franzosen. Eine Transkription der armenischen Sprache findet, wenn überhaupt, nur ins Kyrillische statt; Englischsprecher sind auch unter der jüngeren Bevölkerung kaum zu finden. Nutzt man die einzige U-Bahn-Linie der Stadt, so kann die Richtung, in die man sich mit der Metro bewegen möchte, wegen fehlender Transkription nur geahnt bzw. erraten werden. Das Stadtbild ist geprägt von uralten Autos, die offensichtlich vor vielen Jahren in den Industrienationen ausrangiert wurden. Armenien scheint das Kuba Eurasiens zu sein.

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Uralte Marshrutka

Gefühlt sind mehr Taxifahrer als alles andere in der Stadt unterwegs, die Vielzahl der Taxis führt zu der verrückten Situation, dass man den Preis pro Fahrt als Nachfrager scheinbar selbst bestimmen kann. Der mit den Fahrern aushandelbare Preis kann noch so niedrig angesetzt werden, ich habe es nie erlebt, dass ein Taxifahrer – obgleich zäh verhandelt wird – am Ende abgelehnt hätte. Noch günstiger ist die Metro, wofür umgerechnet 20 Cent fällig werden.

Jerewan verfügt über eine kleine Anzahl netter Cafés in der Innenstadt, das vornehmlich konsumierte Getränk ist Tee, den man in allen möglichen Geschmacksrichtungen, Mischungen und Größen bestellen kann und der in der Regel in einem Teebereiter serviert wird. Der traditionelle armenische Tee besteht aus getrocknetem Thymian oder getrockneter Minze und verfügt über einen sehr strengen, aber leckeren Geschmack. Auch wird er, zumindest nach meinen Eindrücken, von den Cafébesuchern sehr stark nachgefragt. In den Cafés werden des Weiteren kleine Gerichte, Snacks, Kuchen und Süßwaren sowie Patisserie angeboten. Armenische Gerichte finden sich weitgehend exklusiv in den armenischen Restaurants auf den Speisekarten. Eine Spezialität des Landes ist der weltweit bekannte armenische Cognak. Als Fan besonderer Spirituosen habe ich es mir freilich nicht nehmen lassen, mir als Souvenir eine Flasche der Mittelklasse-Variante (fünfjährig) mit nach Hause zu nehmen. Es ist zu konstatieren, dass es sich um einen sehr wohlschmeckenden, sanften und bekömmlichen Vertreter seiner Art handelt.

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Auch konnte ich in Armenien erstmals süßlich schmeckenden Granatapfelwein probieren. Enttäuschend war, dass die Stadt über keinerlei Kneipenkultur zu verfügen scheint, die einzige Dive Bar, die wir besuchten, war ein Irish Pub. Die Location war ohne jeden Charakter und verfügte über zahlreiche überteuerte Import-Biere, das Pub scheint offenbar hauptsächlich – und wenig überraschend – von Expat-Stammtischen besucht zu werden. Armenien scheint kein Land für Bierkneipen und Bars zu sein. Stattdessen beschränken sich die Ausgehmöglichkeiten – neben den erwähnten Cafés – auf überlaute kleine Clubs mit heftiger elektronischer Tanzmusik.

Ein Aufenthalt in der südlichsten der Kaukasus-Republiken gleicht zuweilen einem bizarren Retro-Trip, mit der Einreise fühlt man sich teilweise wie in der Zeit zurückversetzt. So ist nicht nur die Zugreise ein Erlebnis wie aus einer längst vergangenen Zeit (siehe hier), auch in der Stadt selbst tauchen neben den alten Fahrzeugen immer wieder Anachronismen auf, die man so in Mitteleuropa in der Form nicht mehr vermuten würde: Bunt-leuchtende Weihnachtsbeleuchtung in der ganzen Stadt, kitschige Touristenmärkte mit allerhand Nippes und mehr Verkäufern als Touristen, allenthalben geschmacklose Kunst im öffentlichen Raum, Vokuhila-Frisuren, bunte Schlaghosen aus Stoff; eine Freiluft-Eislaufbahn, die mit lauter Musik beschallt wird, welche an eine Kirmes in den 90er-Jahren und Mixery-aus-Dosen-Trinken erinnert; Restaurants mit Tanzcafé-ähnlicher Einrichtung im 70er-Jahre Style und sehr viel Glitzer und Bling-bling.

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Skulptur an den Kaskaden

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Eislaufbahn mit Dancefloor-Musik

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Kitschige Weihnachtsdekoration im Stadtzentrum

Als Fazit kann ich sagen, dass ich in Jerewan eine Stadt vorgefunden habe, die trotz offensichtlicher wirtschaftlicher Schwierigkeiten und Perspektivlosigkeit in der Bevölkerung eine große Lebensfreude und Gastfreundschaft ausstrahlte. Das niedrige Lohnniveau in Armenien drückt sich in den extrem niedrigen Lebenshaltungskosten aus, auch ist in allen Service-Bereichen reichlich Personal vorhanden, das immer für einen gut gelaunten Small Talk zu haben ist. Man fühlt sich in der Stadt sehr wohl. Ich habe ein Land vorgefunden, dass sich sehr von Georgien und allen anderen Ländern, in denen ich bislang war, unterscheidet. Unglaublich zu sehen ist, dass es in dem Land offensichtlich Modeerscheinungen gibt, die ich für seit langer Zeit zurecht überkommen hielt. Die Lebensbedingungen der einheimischen Bevölkerung, soweit ich diese einschätzen kann, sind als nicht sehr günstig zu bezeichnen. Das Warenangebot an Lebensmitteln in den Supermärkten ist mehr als überschaubar, nimmt man die poshen und überteuerten Läden im Stadtzentrum aus, bemerkt man, dass das ausliegende Obst und Gemüse -oftmals minderwertige B-Ware, was per se überhaupt nicht negativ zu bewerten ist, im Gegenteil -zum Teil bereits an der Grenze zum Verderben oder schon vollständig verschimmelt ist, Saure-Gurken-Konserven waren z. T. bereits monatelang abgelaufen. Importware kommt vornehmlich aus Russland und ist vom Preisniveau dem vergleichbarer europäischer Güter ähnlich (Kosmetik, Kleidung). Es ist mir ein Rätsel, wie sich ein durchschnittlich verdienender Armenier diese Waren leisten kann. Sehr bedrückend. Alles in allem habe ich ein sehr liebenswertes, kleines Land kennengelernt, dass in vielerlei Hinsicht einen ganz eigenen Charakter besitzt. Jerewan ist fußläufig zu erkunden, ein Aufenthalt von drei Tagen ist dabei völlig ausreichend.

 

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