Der vierte Museumspavillon – Ein Tempel zeitgenössischer Kunst

Lange Jahre war er das Politikum der saarländischen Kunst- und Kulturszene: Der vierte Museumspavillon der Modernen Galerie des Saarlandmuseums. Der skandalträchtige Neubau hat nicht nur Unmengen Geld des Steuerzahlers (40 statt den ursprünglich veranschlagten 8 Millionen) sowie mehrere Köpfe in Politik und Kuratorium gekostet, er hat auch die Öffentlichkeit gespalten in Befürworter und Gegner dieser Investition. Nach meinem ersten Besuch in dem Erweiterungsbau muss ich sagen: Dieses Gebäude ist ein Meilenstein für den saarländischen Kulturbetrieb. 

©Kohsmopolit

Anfang Dezember konnte ich endlich wieder einer Veranstaltung des Artclubs beiwohnen. Der Artclub ist eine Veranstaltungsreihe des Saarlandmuseums mit der Zielsetzung, kunst- und kulturbegeisterte Menschen der Generation zwischen 20 und 40 Jahren zusammenzuführen und zusammen Ausstellungen, Hintergrundgespräche, Lesungen, Workshops etc. zu besuchen. Es ist keine Mitgliedschaft vonnöten, das heißt das Publikum ist immer unterschiedlich, die Atmosphäre sehr zwanglos und die kulturellen Events heterogen und stets kostenlos. Nicht selten erhält man professionelle Führungen von hochkarätigen Dozenten mit großer Expertise. So auch die „Artclub@home“-Veranstaltung, bei welcher der Museumsdirektor Dr. Roland Mönig die Teilnehmer erstmals durch den neueröffneten Erweiterungsbau führte.

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Das Museum

Die Führung begann am Eingang im Foyer der Modernen Galerie, von wo aus die neuen Bereiche A (Altbau), B (Erweiterungsbau) und C (Altbau) abzweigen. Das Museum verfügt inzwischen über ein vielfältiges Programm mit Führungen, Workshops und museumspädagogischen Veranstaltungen.

Laut Museumsdirektor Dr. Mönig beinhaltet das Konzept des Saarlandmuseums die Ausstellung fester Bestände und zugleich wechselnder Werke sowie die Installation von Themenräumen. Diese sollen sich etwa mit der in Deutschland wichtigen Provenienzforschung der Werke auseinandersetzen oder einzelne Themen und Genres der Kunst fokussieren, wie beispielsweise Grafiken.

Der vierte Pavillon bietet dem Museum zahlreiche Möglichkeiten, die es zuvor nicht hatte. So können ab sofort auch großformatige Werke  der Gegenwartskunst ausgestellt werden, die in den bisherigen Gebäuden des ikonischen Schönecker-Komplexes keinen Platz fanden. Die Räumlichkeiten lassen es überdies zu, ganzheitlich auf Räume bezogene Werke auszustellen.

Neue Museumsgastronomie

An das Foyer angeschlossen ist die neue Museumsgastronomie, in der sich eine große Theke befindet (angeblich die längste Theke des Saarlands). Während Arrangement und Interieur ganz und gar der Vorstellung „Museumscafé“ entsprechen, fällt die durch die Glasfront erzeugte helle Atmosphäre ins Auge. Neben den üblichen Produkten lassen sich auf der in ansprechendem Design gestalteten Karte auch regionale Erzeugnisse finden, so etwa Weine von der Mosel und aus der Pfalz sowie Spirituosen, wie etwa saarländischer Wermut. Nicht nur die Getränke, sondern auch Snacks, Pub-Food und ansprechend aussehender Kuchen sind zu moderaten Preisen erhältlich.

Die Ausstellung

Erdgeschoss

Die erste temporäre Ausstellung des neuen Gebäudes im Erdgeschoss besteht aus Werken der 1963 im kalifornischen Pasadena geborenen Künstlerin Pae White, die in Los Angeles lebt und arbeitet. White kommt eigentlich aus dem Grafikdesign und hat es sich zur Aufgabe gemacht, Design – als in den Alltag übergegangene, industrielle Spielart der Kunst – wieder zu eigentlicher Kunst werden zu lassen; sozusagen, so Museumsdirektor Mönig, der eigentlich umgekehrte Weg. Die Ausstellung „Spacemanship“ wurde extra für den Standort Saarbrücken im neuen Erweiterungsbau und dessen Räumlichkeiten entwickelt und soll ca. 1,5 Jahre vor Ort bleiben.

Der erste Eindruck umfasst zunächst Erwartbares, wenn man sich mit der Künstlerin zuvor auseinandergesetzt hat: Objekte, Installationen, Skulpturen und viel Stoff. Die Ausstellung empfängt den Besucher am Eingang mit einer den Raum teilenden riesigen Tapisserie, auf der ca. 6000 digital bearbeitete Käfer-Motive abgebildet sind. Die Tapisserie wurde durchweg handwerklich präzise aus Farbtönen zwischen barockem Rot zu Beginn, über Gold-Töne, bis hin zu gedeckteren, dunkleren Farben am Raumende und auf der Rückseite gewebt.

„Neudeutung des Raums“

Vorder- und Rückseite der Tapisserie sind handgewebt, diese Tatsache sowie das Erscheinungsbild vor dem Hintergrund der kulturgeschichtlichen Nutzung dieses Gegenstands als einem aus dem Mittelalter stammenden Einrichtungsgegenstands, der zwischen Örtlichkeiten bewegt werden kann und somit überall für eine heimelige und vertraute Atmosphäre sorgen kann, bilden den Bezug zur Alltagskultur. Dem widersprechen die zahlreichen, in ihrer Individualität einzigartigen, jedoch digital – und nicht etwa analog – produzierten Krabbeltiere, die im Zusammenspiel mit der Farbgebung eine Antithese zu dem Gegenstand der Tapisserie symbolisieren, welche für sich selbst gesehen schon zwischen Gewohnheit und Aufbruch vermittelt und eben auch die digitale Welt, also die Nicht-Realität, der analogen gegenüberstellt.

Die Gesamtkonzeption des Raums ergänzen dabei drei Reliefs, die das künstlerische Konzept des Raums vervollkommnen und die Qualität der Ausstellung unterstreichen. Die an den Seiten der allein durch ihre Größe auffallende Tapisserie installierten Reliefs bestehen aus zahlreichen verspiegelten Blättchen, hängen von der Decke herab und erinnern für viele Besucher an sich in Bewegung befindliche Schwärme, etwa von Schmetterlingen oder Meerestieren. Durch die Verspiegelung der Unterseiten der Blättchen verschwimmen zunehmend sowohl Form als auch Ordnung der Reliefs. Was vorher Realität war, verliert sich zunehmend im Digitalen. Diese imaginäre Wirklichkeit der Reliefs verfolgt somit einen ganz und gar utopischen Ansatz: Die in der digital abgebildeten Welt vorherrschende Antithese aus Beweglichkeit und Formation und die horizontalen und vertikalen Linien in der Anordnung suggerieren eine Ordnung, die durch die Spiegelungen und Bewegungen, welche durch vorbeigehende Menschen und Winde erzeugt werden, konterkariert wird und somit für den Betrachter zunehmend verschwimmt, was auch durch die Lichtspots, welche die Blättchen anleuchten, unterstützt wird.

Ein mehrere Sinne ansprechendes Werk, das in Zusammenspiel mit der Tapisserie diesem Raum eine spezielle Atmosphäre verleiht und das Verschwimmen von Realität und Virtualität auch physisch erfahrbar macht, erst recht dann, wenn man den Raum aus einem der Bögen der Tapisserie heraus und somit aus einem anderen Blickwinkel erfährt.

„Raum der Erinnerung“

Das Highlight der Ausstellung von Pae White stellt sicherlich der zweite Raum dar, der als Gesamtkunstwerk konzipiert wurde und aus mehreren Einzelwerken besteht, die in ihrem Zusammenspiel zahlreiche Assoziationen hervorrufen und deren künstlerisches Programm den Erinnerungen der Künstlerin an eine Schafsranch im Norden Kaliforniens entspringt, auf der die Künstlerin in ihrer Vergangenheit viel Zeit verbrachte und den sie mit den vorgefundenen Räumlichkeiten im Erweiterungsbau in Saarbrücken emotional verband. Das Werk wurde extra für diesen Raum entworfen und wird nur temporär, für die Dauer von anderthalb Jahren, in der Modernen Galerie zu sehen sein.

Das Werk besteht als Ensemble aus Einzelstücken, die in dem Raum für sich stehen und interagieren. So sind durch den gesamten Raum gespannte wollene Schnüre, verschiedene Malereien, mehrere gemalte und „geschnürte“ Ziffern, Linien auf dem Boden und an der Wand, befremdliche Skulpturen, eine Art Geweih-Skulptur an der Wand sowie überdimensionierte Pfeile realisiert.

Die teils knallbunt ausgestalteten Wandmalereien erinnern in Form und Farbe an Pop Art. Nicht zuletzt dieser Verweis führt zu einer unweigerlichen Assoziation mit der kommerziellen Glitzerwelt, in die hineinversetzt sich der Besucher fühlt, wenn er in der Mitte des Raums steht. Ein engmaschiges Netz, das durch zahlreiche, penibel an Ösen an den Wänden befestigte Schnüre (allein der Prozess des Anbringens soll vier Wochen gedauert haben) errichtet wurde, verbindet einzelne Motive an den Wänden, darunter etwa ein Emblem eines Widders (als Logo der Schafsranch) sowie mehrere Ziffern (die Postleitzahl der Ranch). Vordergründig einen Bezug zwischen dem Erinnerungsort und  dem Ort der Ausstellung herstellend ist auch hier die Assoziation zur Virtualität, zum Leitmotiv der Ausstellung, nicht weit: Der Mensch, hier verkörpert durch die Künstlerin, ist umgeben von einem Netz, das sich aus Zahlen konstituiert. Diese sind eng miteinander verwoben und Orte und Erinnerung werden auf einen anderen Kontinent transportiert.

In den Zwischenetagen kann das Werk aus verschiedenen anderen Perspektiven vom Besucher noch mehrfach bewundert werden, was dem Betrachter wiederum andere Perspektiven eröffnet.

1.Etage

Der erste Raum des ersten Stockwerks umfasst vier riesige Holzdrucke von Franz Gertsch, die farblich stimmig zu den Werken im Erdgeschoss agieren, vom künstlerischen Programm her jedoch gänzlich antithetisch wirken, bilden doch die riesigen Holzschnitte einen Gegenpol zu den 3D-Drucken und digital bearbeiteten Käfern im Erdgeschoss. Kontinuität erfährt die Ausstellung dadurch, dass auch die auf den Holzdrucken (analoger geht es kaum) abgebildeten Motive beim Näherkommen zusehends verschwimmen und so ihre eigene Realität verlieren.

Des Weiteren befindet sich auf der Etage noch eine sehenswerte Fotografie-Ausstellung aus den Jahren nach 1945.

2.Etage

Die zweite Etage hat die „Kunst der Gegenwart“ zum Motto. Hier zeigt das Museum Exponate aus seiner Sammlung, darunter etwa Arbeiten von Aurélie Nemours, Frank Badur, dessen Werk geometrischer Abstraktion kurz vor Schließung des Museums bereits im Rahmen einer Sonderausstellung in der Modernen Galerie gezeigt wurde, Antoni Tàpies, Hermann Nitsch sowie Werke „aus ungewöhnlichen Materialien“, wie das Museum angibt, etwa von Russell Maltz oder Vincent Tavenne. Den meisten Werken gemein ist die Auseinandersetzung mit der Frage nach Realität, die zumindest einen Roten Faden durch das gesamte Museum spannt.

3.Etage

Diese Thematik an das zeitgenössische Kunstsystem anpassend findet sich im dritten Stock des Erweiterungsbau ein weiteres Highlight der aktuellen Ausstellung: Die als Gesamtensemble inszenierte Installation von Michael Riedel, welche den Schwerpunkt der Betrachtung auf den Kunstbetrieb lenkt, hier im Speziellen Zeit, Raum, Bild, Wort und Text als Topoi fokussiert, diesen mit beeindruckender Schärfe multimedial vorführt und ironisch untergräbt.

Reste aus der Frankfurter Dürer-Ausstellung, wie zum Beispiel nicht vergriffene Handreichungen oder Beschriftungen, dienen dem Raum ebenso als Exponate wie eine Spracherkennungssoftware, welche die Rede der vorbeistreifenden Gäste aufnimmt und an eine Tafel projiziert. Eine Anspielung auf Dürers Hasen im Umfeld einer kalt anmutenden und aus Ziffern, Wörtern und Text bestehenden Collage erinnert an die „naturhaft dargestellte Präsentation“ der Naturstudie Dürers und bildet in diesem Umfeld freilich den Rahmen für die ironische Spiegelung des Kunstbetriebs und dessen Rolle in der Gesellschaft.

Diese und weitere Anspielungen runden die ironische Brechung des Raums ab und führen das Feld der Kunst ebenso vor wie der an zwei Wänden in mehreren Lagen tapezierte Quellcode (als solcher nicht mehr ersichtlich) einer Internetseite für Künstlerbedarf, der überdies quälend langsam und in unerträglichem, monoton-lakonischem Singsang aus einem Lautsprecher dringt und somit sozusagen leitmotivisch den Bogen zur Virtualität der vorherigen Räume spannt. Text und Bild sind weiterhin wiederkehrende Elemente in diesem Raum und greifen somit die an der Außenwand und auf dem Vorhof des Museums angebrachten, verschwimmenden Textsequenzen der Landtagsdebatte über den Neubau des Vierten Pavillons wieder auf und verweisen auf die ambivalente Rolle der Kunst in Politik und Gesellschaft; jedoch auch darauf, dass es den Neubau – welcher durch das bereits von Weitem erkennbare „Museum“ symbolisiert – nun endlich der (analogen) zugeführt wurde.

Fazit

Der Erweiterungsbau der Modernen Galerie des Saarlandmuseums bietet für das Museum einen unschätzbaren Mehrwert. Die insgesamt acht Räume sind für den Besucher auf drei Etagen zu besichtigen. Mit dem Vierten Pavillon, den weiteren Räumlichkeiten des Museums, seiner beachtlichen Sammlung und der Expertise und Sensibilität, mit der die Ausstellungen kuratiert werden, sollte es das Museum – zumindest was die Qualität betrifft – mit den Großen in Deutschland aufnehmen können.

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